Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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zur Darstellung der Schrift benützt wird. Solch weites Aus-
greifen gebiert Mannigfaltigkeit und Reichtum der Formen
in einer Fülle wie — abgesehen von rein gegenständlichen
Darstellungen — wohl in keinem anderen Kunstzweige.

Die Schrift besitzt in der Gedankenübertragung eine zaube-
rische Kraft, mit der sie Zeit und Raum zu überbrücken, mit
der sie weitauseinanderliegende Völker, sowie Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft zu verbinden vermag. Sie begleitet
uns von früher Jugend an auf Schritt und-Tritt durch alle
Wechselfälle des Lebens. Sie ist — vielleicht mehr als das ge-

sprochene Wort — ein Gemeinsames, das durch häufigen und
weitreichenden Gebrauch das Volksganze umspannt. Als
unentbehrliches Hilfsmittel zur Ermöglichung und Aufrecht-
erhaltung gesellschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher
Tätigkeif, als Schlüssel zu den Schätzen der schaffenden
Geister, als Gegenstand künstlerischer Auswirkung durch
weiteste Kreise.

Ernster Arbeit bedürftig und wert und würdig: wahre Volks-
kunst im tiefsten Sinne: aus dem Volk und durch das Volk und
für das Volk.

Die Ausbildung der Handwerkslehrlinge durch die Berufs-
und Innungsschulen

Die im November v. Js. in Berlin veranstaltete Schau von
Lehrlingsarbeiten am Kaiserdamm war in mancher Beziehung
recht aufschlußreich für die Erziehung der Handwerkslehrlinge.

In vielen erlernten Berufen entscheidet allein die technische
Handfertigkeit, eine freie Formengebung scheidet aus, sei es
durch die Überlieferung oder durch eine Dienstleistung.

Die Tischler aber stellen Möbel her nach eigenen Ent-
würfen, die sich an die schlecht verstandenen Vorbilder
moderner Architekten anlehnen. Die Tapezierer machen neben
ihren praktischen Polsterarbeiten Dekorationsentwürfe und
laufen Gefahr, mittelmäßige Innenarchitekten zu werden.
Gürtler, Klempner, Kunstschlosser hatten auf der Schau recht
fragwürdige selbst entworfene Arbeiten ausgestellt und bei den
Arbeiten, die sich an überlieferte Formen hielten, wie z. B.
Gießkannen, Laternen und Schlosserarbeiten waren diese recht
schlecht gewählt worden. Graveure, Ziseleure, Emailleure sind
leider in der späteren Ausübung ihres Berufes gezwungen,
an recht häßlichen Gegenständen ihr Können zu zeigen — aber
könnte man ihnen nicht wenigstens in der Lehrlingszeit ge-
schmackvollere Arbeiten zur Ausführung geben? Bei den Buch-
druckern, Lithographen und Steindruckern fand man die Er-
klärung für die vielen schlechten Drucksachen und Repro-
duktionen, denen man begegnet. Die Buchdrucker zeigten nicht
einen einzigen guten Satzspiegel und das ist doch das elemen-
tarste Verlangen, das man an einen Buchdrucker stellen kann.
Bei dem sonst so hohen Stand der Damenkonfektion in Berlin
waren die Leistungen der Damenschneiderinnung in geschmack-
licher Hinsicht recht befremdlich. Maßschneider und Konfektion
stellten fast durchweg rückständigen Geschmack zur Schau.
Könnte hier nicht die Städtische Textil- und Modeschule Einfluß
auf die Innung gewinnen, damit wenigstens Farbensiimmung,
angewandte Technik und Schnitt Zeugnis davon ablegen, daß
wir zwar keine fantasievolle französische aber doch eine ein-
fache geschmackvolle deutsche Modekultur haben.

Einen Beweis dafür, daß man die Ausbildung der Handwerks-
lehrlinge sachlicher in technischer Hinsicht gestalten kann, ohne
ihnen die Freude an der Ausbildung zu nehmen, ist die der
städtischen Berufsschule für Maler angegliederte Fachschule in
der Lange Straße in Berlin. Die Städtische Fachschuldeputation
und die Malerinnung haben in dem Dirigenten Sperling, der

der Kunstgewerbeschule der Stadt Berlin in Charlottenburg an-
gehört und unter der Leitung von Ernst Schneckenberg steht,
eine sehr glückliche Wahl getroffen. Hier werden die Maler-
lehrlinge, deren Beruf zur Entfaltung nach der künstlerischen
Seite hin eine gefährliche Neigung hat, für rein maltechnische
Arbeiten ausgebildet. An praktischen Beispielen werden die
Arbeiten gezeigt. Alte Türen müssen abgelaugt werden, dann
werden sie, je nach ihrer Beschaffenheit, neu lasiert, gestrichen
oder mit Schleiflack versehen, sie entstehen vollkommen neu.
Der Lehrgang wurde anschaulich an Wandtafeln dargestellt
und die Vielfältigkeit der Maltechniken in ihrer sauberen Aus-
führung übt trotz ihrer Nüchternheit einen außerordentlichen
Reiz auf den Beschauer aus. Wie es nicht gemacht werden
soll, zeigten die Leistungen der Innungsschulen von Köpenick,
Pankow, Lichterfelde, Spandau und Charlottenburg. Hier sah
man nur falsche Kunst, entlehnte Motive besserer Arbeiten der
Kunstgewerbeschulen, schlechte Kopien von Maltechniken;
eine der Schulen versteigt sich sogar bis zum Portrait und zu
literarischen Ergüssen.

Zusammenfassend kann man sagen, daß in all den oben
gerügten Fällen die Lehrlinge auf falsche Wege geführt und zu
Leistungen erzogen werden, die man gar nicht von ihnen im
nüchternen Berufsleben verlangt. Den Berufs- und Innungs-
schulen sollte man die künstlerische Ausbildung der ihnen an-
vertrauten Lehrlinge untersagen. Stellen sich innerhalb eines
Lehrgangs bei einem jungen Menschen Fähigkeiten heraus, die
zu einer künstlerischen Entwicklung führen können, so sollte
man ihn nach Erreichung eines soliden technischen Könnens
an die Kunstgewerbeschule oder an die Akademie verweisen.
Auf Berufs- und innungsschulen sollren nur die handwerklichen
Techniken gelehrt werden; muß das Erlernen der Techniken an
formalen Gegenständen stattfinden, so nehme man gute
klassische Vorbilder, damit die Lehrlinge an den gleichen
Gegenständen ihre Fähigkeiten beweisen können; diese Art
wird auch leichter zur Begutachtung ihres technischen Könnens
beitragen. Ein guter Künstler ist auch ein guter Handwerker,
aber ein Handwerker, der nur Künstler sein will, ist eine lächer-
liche, unglückliche Figur, deren es leider in Folge unserer
falschen Erziehungsmethoden recht viele in Deutschland gibt.

Richard L. F. Schulz, Berlin.

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