Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Zur Berliner Automobil-Ausstellung

Die Karosseriebauer waren beinah auf dem toten Punkt Karosseriebauer her als Überwindung des „toten Punktes" an-
angelangt; sie wußten nicht mehr, mit welchen neuen Formen gesehenen, gegeben hat, nämlich die Entdeckung der Strom-
und Modetorheiten sie die äußere Form des Automobils noch linienform und ihre Übernahme vom Rennwagen auf den
hätten ausstatten können. Denn bei uns verlangt angeblich das Personenwagen, herunter bis zu den kleinen und kleinsten
Publikum jedes Jahr eine auch äußerlich sichtbare Neuerung, Wagen. Etwa seit von Brauchitsch' großem Avuserfolg, bei dem
verlangt ein neues Modell. Denn eine rein technische Neuerung er seiner Stromlinienform eine Erhöhung der Geschwindigkeit
und Verbesserung kann man angeblich nur mit einer neuen um 20% zuschrieb, ist man stromlinienwütig geworden. Opels
Karrosserieform starten. Es wird sogar erzählt, daß es Auto- „Regent" war wohl einer der ersten kleineren Wagen in Strom-
besitzer gäbe, die ihren alten Wagen jedesmal gegen den linienform, heute sind selbst die kleinen Dreiräder stromlinig
neuen Typ eintauschen. ausgebildet. Nun aber ist es wirklich schwer zu glauben, daß

Dieser „tote Punkt" wäre das gewesen, was wir als eine diese Stromlinienformen errechnet sind und daß sie ferner bei

wirkliche Errungenschaft hätten ansehen müssen, es hätte für den Geschwindigkeiten dieser kleinen Wagen überhaupt eine

uns die Formung eines wirklichen Typs bedeutet, zu vergleichen Rolle spielen. Stromlinigkeit ist eine Mode, aber kaum eine Ver-

am besten mit dem Fahrrad. besserung. Man baut Stromlinie, indem man die Windschutz-

Der Ehrgeiz zur Formung neuer Modelle hatte sich schon scheibe schräg stellt, indem man den Verdeckaufbau weich

beinahe erschöpft, denn die Form selbst mußte als eine ziemlich abrundet und vor allem, indem man das hintere Ende des

stabile angesehen werden und man hatte sich deshalb äußeren Wagens spitz und lang auslaufen läßt.

Effekten zugewandt. Scheußliche Zeugen dieses Ehrgeizes sieht Selbst in der Fachpresse und in Modeblättern mit gesellschaft-

man auch dieses Jahr, beispielsweise bei einer Karosserie in lichem Einschlag schweigt diesmal die Kritik nicht ganz zu

einer Art Goldlack. Oft hat man das Trittbrett als Verbindung diesen Erscheinungen und es ist wirklich erfreulich, daß hier

der beiden Kotflügel weggelassen, damit die Wagenseiten bei endlich auch einmal die Abwehr gegen die modische über-

Schmutzwetter recht verspritzt werden. Die Tendenz, den treibung einsetzt.

Wagen möglichst niedrig zu halten und den Schwerpunkt mög- Soviel scheint sicher, daß die Berücksichtigung der Strom-
lichst tief zu legen, hat bei einigen Typen schon die letzte linie auch in Zukunft eine maßgabende Rolle bei der Gestaltung
Grenze erreicht. Man hat sogar den Fahrer selbst so tief der Karosserieform spielen wird, aber der modische Hand-
untergebracht, daß die Überhöhung durch das Verdeck so gelenkschmiß wird sich überleben.

gering geworden war im Verhältnis zur Höhe der Kühler- Nun ist es durchaus möglich, daß wir zu einer grund-

haube, daß der Steuernde fast nur noch einen Sehschlitz statt legenden Revision unsrer alten Karosserieformen kommen,

eines Fensters vor sich hatte. wenn die technischen Umgestaltungen, die auf der diesjährigen

Hierbei zeigt sich schon deutlich, daß eine vernünftige Besse- Ausstellung sich andeuten, wirklich ihre Versprechen halten,

rung der Fahreigenschaften sofort formal im modischen Sinne Der Vorderradantrieb gehört auch hierher, obwohl er schon

übertrieben wird. Genau so geht es mit dem, was den Anstoß eine kurze Zeit der Bewährung hinter sich hat. Seine Nachteile,

zu einer Neugestaltung der Karosserie, also zu einer vom wenigstens noch für heute, liegen klar zutage; erstens die

Darstellung der Vorderradantrieb- und Schwing-
achskonstruktion am 1,5-Liter „Adler - Trumpf".
Durch die achslose Aufhängung der einzeln ge-
federten Räder schwingt bei Bodenunebenheiten
iedes Rad für sich.

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