Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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kommunistischer Seite dagegen wird sie nicht ernst genommen,
weil man dort eine sehr scharfe Nase hat für das literarisch
Forcierte dieser Propaganda, mit der sich Intellektuelle allzu
aufdringlich einem Proletariat anbiedern, das viel zu klassen-
bewußt ist, um sie zu akzeptieren, und geistig viel zu wenig
vorbereitet, um ihre Theorien zu verstehen: das Debakel des
Moskauer Zentralpalastes, der klassizistisch gebaut wird, be-
siegelt das Gesagte."

„Wenn wir den Nationalismus vieler Gegner der modernen
Architektur bekämpfen, so müssen wir uns klar sein, daß der
betonte Internationalismus vieler Freunde der modernen Archi-
tektur um nichts besser, sondern das genaue Spiegelbild jenes
Nationalismus ist. Das saubere, wenn schon etwas beschränkte
Programm dieser modernen Architektur liegt zunächst aus-
schließlich auf der materiellen Ebene; die internationale Gültig-
keit materieller Erkenntnisse ist aber so selbstverständlich wie
die Internationalität des Satzes 2X2 = 4. Es ist grenzenlos
überflüssig, auf Selbstverständlichkeiten zu insistieren, und hier
ist es sogar ausgesprochen ungeschickt, denn gerade im
aktuellen Einzelfall kommt es auf diese Internationalität gar
nicht an. Die moderne Architektur sucht doch die ganz direkte
Lösung jeder einzelnen Aufgabe: also muß sich auch die
Richtigkeit der vorgeschlagenen Lösung jedesmal unmittelbar
aus den lokalen Voraussetzungen von neuem beweisen lassen,
ohne daß man das Gespenst einer gigantischen „Internatio-
nalen" heraufbeschwört, um die lokalen Widerstände mit
seinem Prestige zu zermalmen. Die penetranten Modernitäts-
propheten, die sich vor Internationalität nicht zu lassen wissen,
haben der modernen Architektur und besonders den modernen
Architekten mehr geschadet als genützt: sie haben die mo-
dernen Architekten künstlich in eine gefährliche Isolierung ge-
führt und sie in die gefährliche Illusion getrieben, es bedeute
internationale Anerkennung, wenn ihre Arbeiten in ein paar
exklusiven Elite-Zeitschriften publiziert werden, die alle un-
gefähr den gleichen intellektuell interessierten Leserkreis
haben. Das mag für schriftstellerischen Ruhm genügen, die
Architektur braucht aber gerade die Zustimmung der breiten
Schicht derjenigen, die politisch und fachlich über die Aus-
führung der Bauten zu entscheiden haben. Gerade diese Kreise
werden aber von der Avantgardepropaganda mit Hohn und
Verachtung behandelt, man versucht sie mit Modernität zu
blenden und mit Internationalität einzuschüchtern, statt daß
man sie durch die Richtigkeit der Idee gewinnen würde."

„Eine Piece de resistance aller Gegner sind natürlich die
Bauschäden verschiedener moderner Siedlungen. Daß diese
Dinge von den Gegnern der modernen Architektur aufgegriffen
würden, war mit Sicherheit vorauszusehen, und es zeugt von
der gleichen unbegreiflichen Instinktlosigkeit, daß man die
nötige Kritik nicht selbst beizeiten aussprach, statt dieses dank-
bare Thema übelwollenden Gegnern zu überlassen. Es wäre
sehr sachlich, imponierend großzügig, fair — und obendrein
sehr klug gewesen, wenn beispielsweise gerade die „Kongresse
für Neues Bauen", die uns durch eine eigene Propaganda-
zentrale jeweils des hochoffiziellsten über ihre Sitzungen in
Barcelona, Proteste in Moskau und mit offiziellen Publikationen
der Bauten ihrer Mitglieder beglücken, bevor die Gerüste ab-
geräumt sind, gerade auch diese kritischen Beobachtungen
selbst ausgesprochen und wissenschaftlich bearbeitet hätten.
Aber man konnte sich nie entschließen, begangene Fehler zu-
zugeben, die in der gegebenen Situation bei Verwendung
neuer Materialien und Baumethoden vielleicht selbst bei

besserer Bauausführung nicht ganz zu vermeiden gewesen
wären. Und nun haben die Gegner den Profit davon, und daß
gerade sie den subtilen Unterschied zwischen den guten Ideen
und der schlechten Ausführung dieser Ideen machen sollen,
solange man auf seifen der Modernen nicht den Mut hat, die
Öffentlichkeit zu informieren, wird man billigerweise nicht ver-
langen können."

Das Programm der internationalen Ausstellung für
moderne Architektur auf der „Triennale" 1933 in
Mailand.

„Der Architektur, welche so enge Beziehungen zu unserem
gesellschaftlichen Leben hat und die das erhabene und
dauernde Denkmal unserer Kultur ist, wird heute von einem
immer wachsenden Publikum stets größeres Interesse gewidmet.

Die moderne Architektur durchläuft jetzt, in der Auffassung,
im Stil und in der Technik, eine Umgestaltungs-Periode von
sehr großer Tragweite: dies hat die Bildung einer neuen
Aesthetik in der Baukunst zur Folge, die auf unsere gegen-
wärtigen Sitten und Gebräuche von tiefgehendster Wirkung ist.

Die Umgestaltungen der Architektur wurden von bedeutenden
Erscheinungen dreier Art veranlaßt: von einer Evolution in den
bürgerlichen Gesellschaftskreisen, die schon sehr weit vor-
geschritten ist und die Verfeinerung der Lebensbedürfnisse in
den verschiedenen Ständen zur Folge hat; von einer wirklichen
und wahrhaften Umwälzung in der Bautechnik, die durch das
Studium und durch die Anwendung neuen Baumaterials und
neuer Vorgänge, wie auch durch die neuartigen Anwendungen
bereits bekannter Materialien und die Einführung voll-
kommenerer Maschinen und Baumittel, bewirkt wird; von einer
immer größeren Anpassung einiger modernen Bauten an die
Zwecke, welchen sie dienen sollen, so daß typische Bau-
werke entstehen.

Die internationale Ausstellung für moderne Architektur des
Jahres 1933-XI. in der „Triennale" von Mailand soll den weit-
gehendsten und vollständigsten Beweis der Auffassungen, der
Bauformen und der technischen Vorgänge, durch welche dieser
Umschwung statfindet, sowie auch die Anschauungen der ein-
zelnen Künstler von welchen er herbeigeführt wird, zum Aus-
druck bringen.

In dieser internationalen Ausstellung für moderne Architektur,
welche die erste einer Reihe solcher periodisch wiederkehren-
den Veranstaltungen sein wird, wird man lehrreiche Beispiele
der interessantesten heutigen Architektur der ganzen Welt dar-
gestellt sehen, sei's durch Werke jener Künstler die die Vor-
läufer und Hauptführer der derzeitigen Architektur in den
verschiedenen Ländern sind, wie auch durch Werke, die in
ihrer Art moderne Musterbauten von ausgezeichnetem und
bedeutendem Wert sind.

Gegenüber diesem weitausgebreiteten Panorama der zeit-
genössischen Architektur, das wohl ein Spiegel der Kultur und
der heutigen Sitten genannt werden kann und in allen Be-
isuchern sehr großes Interesse erwecken wird, wird auch die
unge italienische Architektur — durch ihre Vorläufer, durch die
Werke ihrer größten Künstler und jene großartigen modernen
U'auten, die in letzter Zeit bei uns begonnen wurden, und end-
lich durch eine Reihe von Entwürfen, die zur Richtschnur für
junsere zukünftige Architektur dienen werden — eine Auf-
jfassung, ein Maß, einen eigenen Stil bringen, ihre Eigenart
tbesser hervorheben und ihre Merkmale und Schönheiten
(zeigen können."

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