Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Wasserkrug, Messing, 37 cm hoch. Alte, noch heute in Frankreich vorkommende Form.

verwenden soll, sind heute allgemeingültig geworden. Ihre
Verwirklichung ist schwierig genug, weil keine Zeit so wie
unsere mit einem Erbe aus jüngster Vergangenheit belastet
war, das ausgemerzt werden mußte. Wir sind die erste Gene-
ration, die nicht auf ihrer unmittelbaren Vergangenheit weiter-
bauen konnte, sondern bewußt und scharf gegen sie auftreten
mußte.

Die gesunde und unbedingt notwendige Reaktion gegen das
19. Jahrhundert hat mindestens zu Ansätzen einer neuen Form-
gebung in Baukunst, Möbel und Gerät geführt, einer Form-
gebung, die um so überzeugender wirkt, als sie sich in Über-
einstimmung mit den besten und echtesten Dingen der Ver-
gangenheit befindet, sobald wir das 19. Jahrhundert als
Unterbrechung einer kontinuierlichen Tradition erkennen.

Wie ist das zu verstehen? Wie kommt es, daß wir unsere
Verbundenheit mit der Vergangenheit nicht sehen? Wie konnte
es geschehen, daß unsere Zeit glaubt, mit der Rückkehr zur
Einfachheit grundlegend Neues geschaffen zu haben und sich
den Vorwurf der Traditionslosigkeit machen lassen muß, dazu

den Vorwurf, daß sie sich ihre Vorbilder in der ganzen Welt
suche, nur nicht in der eigenen Vergangenheit? Warum
suchte der gesunde Geist, der die heutige Formenwelt schuf,
dessen Forderungen und Formulierungen ebenso richtig als
uralt sind, als seine Schöpfungen logisch und gut — warum
suchte er die ganze Welt und die gesamte Kunstgeschichte
ab, um seine Wurzeln zu finden — und fand sie überall, nur
nicht in den letzten 4 Jahrhunderten? überall also, mit Aus-
nahme gerade der Jahrhunderte, die wir so ganz genau zu
kennen glauben, die uns Kunstgeschichte und Museen so gründ-
lich kennen gelehrt haben?

Ich behaupte, daß wir gerade diese Jahrhunderte mit am
schlechtesten kennen, weil man sie uns ganz und gar falsch
sehen gelehrt hat. Der Grund liegt darin, daß der
Kampf gegen die Anschauungsweise des
19. Jahrhunderts und die damit Hand in Hand
gehende Erneuerung unserer Formgebung
wie unserer Formulierungen und Forderungen
überall hingedrungen sind, kaum aber in unsere

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