Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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vom Kabinettmeister. Die Steine sind vom Steinschleifer ge-
schliffen. Vorher hat schon der Diamantsäger die Rohware
zerkleinert, so wie das Rohstück sich am besten eignet. Der
Zeichner liefert den Entwurf. Der Goldschmied erhält das vom
Schmelzer legierte Metall. Oft geschieht es auch, um das nicht
zu vergessen, daß nach besonderer Zeichnung die Steine erst
geschliffen werden. Der Goldschmied sägt und lötet, montiert
die Metallfassung. Das Stück geht zum Fasser, der die Steine
faßt, und die Oberfläche des Metalls, die zwischen den
Steinen noch zu sehen ist, verschneidet. Dann wird das Stück
vielleicht emailliert, gefärbt, vom Vergolder galvanisch über-
goldet und dann von der Poliseuse poliert. Ähnlich ist es bei
Silber. Es gibt da Ziseleure, Graveure, Hammerarbeiter und
Drücker. Auch in der Herstellung von maschinengestanztem
Silber sind eine Menge handarbeitlicher Teilprozesse einge-
schaltet, wie Löten, Planieren, Montieren. Aber dort ist die
Handarbeit schon sehr zum Handgriff geworden, der eine
Arbeiter bindet die Teile mit Draht zusammen, der nächste
pinselt Lötwasser, der nächste bringt Lot auf die Stelle, der
nächste bringt die Stelle in die Flamme, und dann feilt der
nächste nach. Ganz ähnlich liegen die Dinge auch auf anderen
Gebieten der Produktion, wenn man den handwerklichen
größeren Betrieb mit den industriellen Mittelbetrieben ver-
gleicht.

Natürlich ist es für das Aussehen der Erzeugnisse des
industriellen Betriebes ganz gleich, ob und wieweit mit der
Hand oder der Maschine gearbeitet wird. Die handwerkliche
Arbeit, die es wirklich ihrem Wesen und ihrer Ausführung nach
ist, hat ihr eigenes Gesicht, ihren eigenen Reiz, der in der
Besonderheit der Handarbeit liegt. Die ständige Auseinander-
setzung mit dem Material und dem Werkzeug bei jedem ein-
zelnen Stück und nicht zuletzt die Lebendigkeit, die durch die
Führung des Werkzeugs mit der Hand erreicht wird, kann von
der Maschinenarbeit nicht gegeben werden, es würde auch
ihrem Wesen nicht entsprechen. Die Handarbeit im Dienste
der Maschinenarbeit aber, sei es als Modell- oder Muster-
macherei oder als Teil im Produktionsgang hat eine ganz
andere Zielsetzung, nämlich die Negierung des Wesens der
Handarbeit und ein Unterordnen unter die Bedingungen der
maschinellen Reproduktion. Es ist im tiefen Sinn ein bewußtes
Abstreifen alier individuellen Uebertragungen des Schaffenden
auf das Geschaffene. Es ist eine Enthaltung alles Persönlichen
in der Sprache der Arbeitstechnik. All die feinen Beziehungen
zwischen Schöpfer und Arbeit, die über das Handwerkzeug
in die Materialdarstellung hinüberfließen, werden abgestellt.
Denn es handelt sich nicht darum, ein einzelnes Objekt zu
geben, sondern eine Reihe.

Man verstehe nicht falsch. Das ist so und muß so sein.
Und damit erhält die industrielle Produktion ihr überpersön-
liches Gesicht und das Handwerk behält die ihm eigenen
Werte, die eine maschinelle Reproduktion nur profanieren
würde, wie die raffinierte druckerische Reproduktion eines Ge-
mäldes, wenn man sie nicht als Reproduktion, sondern als Bild
nimmt, eine Profanierung ist.

Als eine gewaltige Leistung des Menschen aber müssen wir
es ansehen, daß er sich der Wesensart der Maschine so unter-

worfen hat, daß er sich so einfühlt, daß er ihr geistiger Herr
ist. Er hat sich dieses Werkzeug geschaffen und hat es nicht
nur bedienen gelernt, sondern er kennt auch die Seele dieses
seelenlosen Instruments und weiß, daß er diese beachten muß.
Er darf nichts von ihr verlangen, was ihn und sein Instrument
entwürdigt.

Man sollte eigentlich in der Geschichte nie fragen, wie wäre
es gekommen, wenn dies und jenes nicht gekommen wäre,
denn das widerspricht dem Wesen alles Geschehens und der
Verknüpfung des Geschehens. Aber sagen wir einmal, im Be-
wußtsein, daß es historischer Unsinn ist, wenn wir nicht den
Begriff des Wirtschaftlichen von der Zeit aufgebürdet be-
kommen hätten, so gäbe es wohl Maschinen, aber wir würden
sie nur benutzen zur Gestaltung und zum Sport, aber nicht
zur reproduzierenden Produktion. Wir würden es uns leisten
können, mit der Maschine unter Ausnutzung ihrer letzten Mög-
lichkeiten die fantastischsten Dinge zu schaffen. Denken wir
an das Instrument eines Planetariums, das, wenn sicher auch
viel handwerkliche Präzisionsarbeit mitgeholfen hat, doch ohne
die Hilfskraft der Maschine nicht zu konstruieren ist. Allerdings
würden wir dann nur die Maschine als Werkzeug, aber nicht
als Reproduktionsmittel ausnutzen.

Die Maschine aber ist Reproduktionsmittel, wird als solches
genutzt, weil sie in kurzer Zeit eine Menge gleichartiger
Stücke hervorbringt und diese wesentlich billiger herzustellen
vermag, als durch die Handarbeit. Die Billigkeit der Herstellung
läßt sich erhöhen durch die Organisierung der maschinellen
Arbeit. Heute ist jeder Betrieb darauf eingestellt, möglichst
billig zu fabrizieren; wirtschaftlich heißt das, mit dem kleinsten
Mittel den höchsten Effekt zu erreichen.

Die Rationalisierung ist das Streben, in der Grenze des zu
erreichenden Nutzens die Form der Produktion zu finden, die
den wenigsten Aufwand erfordert. Aufwand an Material,
Arbeitskraft der Maschinen und noch mehr der menschlichen
Arbeit. Dazu gehört, daß jeder Leerlauf vermieden wird, daß
also Maschinen und Menschen immer voll ausgenutzt werden.
Diese Dinge sind ja heute fast allgemein bekannt, wir er-
wähnen sie nur, damit wir uns über den Anteil dieser Er-
scheinungen an der Gestaltung der Waren klar sind.

Der Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit in der Produktion
schränkt den Anteil der Arbeitsleistung an dem einzelnen
Objekt auf ein Minimum ein. Die Folge ist, daß die angewandte
Arbeit nicht mehr wie beim Handwerkserzeugnis als Wert an-
gesehen und geschätzt wird. Ebenso wird das Material nur
seinem Funktionswert nach bemessen und nur in der gerade
zureichenden Qualität eingesetzt werden. Der Gesichtspunkt
der Wirtschaftlichkeit, der heute nicht mehr als eine nur be-
triebstechnische Angelegenheit angesehen werden muß,
sondern als ein allgemeiner, unserem Leben zugehörender Be-
griff, führt dazu, daß es als ein Wert angesehen wird, wenn
mit geringstem Aufwand höchster Nutzen erzielt wird. Das
bedeutet, daß nur der Funktionswert bewertet wird und ein
Wert der Arbeit und ein Materialwert nicht mehr in dem
Maße positiv geschätzt wird, wie früher in den Zeiten hand-
werklicher Produktion. Es interessiert uns nicht mehr, wieviel
Materialwert eine Kaffeekanne darstellt, und wieviel Arbeit sie

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