Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Oben : Innenraum des Teehauses Tchoshukakau in Yokohama. Momojamazeit (Ende des 16. Jahrh.). Sehr strenge Raumausbildung. Große Fenster-
flächen mit Schiebefenstern (Papier auf Holzsprossen). Unter der Fensterbank Wandschränke mit Schiebetüren. Weißer Papierstreifen als Fußleiste.
Unten : Theaterdekoration. — Der Mensch im Wohnraum als Maßstab für räumliche Gestaltung. (Nach einem Diapositiv aus dem Besitz von Herrn
Wassili Luckhardt, Architekt BDA, Berlin.) Die Abbildung ist eine ausgezeichnete Illustration einer Lieblingsmetapher Laotse's über das Vacuum:
,,Er behauptet, daß einzig und allein im Vacuum das wahrhaft Bedeutungsvolle ruhe. Die Realität eines Zimmers ruhe z. B. im leeren Raum, der von
Dach und Wänden umschlossen sei, nicht im Dach und in den Wänden selbst. Die Nützlichkeit eines Wasserkruges wohne in seiner Leere, in die das
Wasser hineingegossen werden könne, nicht in der Form des Kruges oder in dem Material, aus dem er hergestellt sei. Der leere Raum sei allmächtig,
weil er allumfassend ist. Im leeren Raum allein wird Bewegung möglich." (Kakuzo Okakura, „Das Buch vom Tee", Inselverlag.)

Gesellschaftskultur, dienen. Es würde zu weit führen, auf diese
hier genauer einzugehen, man findet näheres darüber in der
kleinen aufschlußreichen Schrift der Inselbücherei „Das Buch
vom Tee" von Kakuzo Okakura. Diese Bauten, die ihre künst-
lerische Höhe um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts er-
reichten, sind bis heute Vorbilder japanischer Wohnkultur. Da-
her geben auch die Bilder zum überwiegenden Teil solche
Architektur wieder. Bei ihrer Betrachtung fällt die außerordent-
lich stetige und ruhige Stilentwicklung auf, die von Neue-
rungen und Umstürzen, wie wir sie in der europäischen Kunst
so oft erlebt haben, völlig frei geblieben ist. So ist es denn
auch nicht verwunderlich, daß man heute noch zahlreiche
Bauten errichtet, die sich dieser stetigen Entwicklung würdig
anreihen. Das sind trotz alles europäischen Pessimismus Be-
weise dafür, daß diese alte nationale Kultur unbeirrt von allen
europäischen Einflüssen noch durchaus lebendig ist.

Landschaft und Bauwerk, Garten und Haus sind in Japan und
darüber hinaus in ganz Ostasien ein untrennbarer Begriff, im
Gegensatz zu Europa, wo man im Bauwerk ja doch stets das
die Landschaft Beherrschende sah (Mont Saint-Michel, Peters-
kirche, Versailles). Ostasien ist stets bemüht gewesen, Bau und
Natur in stärkste harmonische Beziehung zueinander zu

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