Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Frauenschule an. Hier befindet sich die Zentralküche mit Koch-
nischen und verschiedenartigen Herden (Kohle, Gas, Elektri-
zität) zur Einzelarbeit. Hier ist der Wohnraum für die Frauen-
schülerinnen und ein großer Speisesaal, den man auch in
kleinere Räume zum Essen, Ausruhen usw. teilen kann. In
diesen Speisesaal kommen auch manche Schüler, Schülerinnen
und Lehrer aus dem Gesamtbereich zur Mittagsmahlzeit, wenn
noch nachmittags Arbeit getan werden soll. Die einzelnen
Teile der langgestreckten Gebäudeeinheit sind durch lange
Flure verbunden, die ein weitläufiges Auf- und Abgehen ermög-
lichen. Die ganze Gruppe wird abgeschlossen durch eine Aula,
die so eingerichtet ist, daß sie verschiedenen Zwecken dient:
großen Schulversammlungen, gemeinsamen Festen mit Spiel und
Tanz, Konzerten usw. An beiden Seiten finden wir je einen
kreisrunden Raum für Gymnastik und für Sprech- und Singchor,
einen für Jungen und einen für Mädchen. Ankleideräume und
Brausen sind ihnen angefügt. Im Binnenhof vor der Aula liegt
ein Schwimmbecken. Um das ganze Gebäude herum liegt
freies Gelände; während im rundgeschlossenen Gymnastikraum
die Bewegung aufgefordert wird zu starker Konzentration und
Ruhe, kann sie hier auf dem Sportplatz und im Garten aus-
ladender werden. Das Gelände muß groß genug sein, daß

dem Schulbereich Möglichkeiten zur Ausdehnung bleiben, daß
es noch weitere Übergänge schaffen kann von der „Schule"
zum „Leben" und zur Berufsarbeit, daß Möglichkeiten da sind,
um den jungen Menschen nicht bloß geistig, sondern auch
körperlich zu betätigen und in ihm das selbständige Anfassen
von vielerlei alltäglicher Arbeit zu üben.

Auch für Lehrer und Lehrerinnen ist in dieser Schule gut
gesorgt, damit sie darin zuhause seien, darin leben, und nicht
nur kommen, um Stunden zu geben.

Am Rande der Gebäude liegt die Kirche, die auch Eltern oder
Freunde von außen her aufnehmen kann, aber hauptsächlich
für die Kinder da ist. Sie versammeln sich im Vorraum, dem
„Atrium", zu religiöser Unterweisung und „Einweihung" und
in der Kirche selbst zum Opfer. Die drei Teile der kreuz-
förmig gebauten Kirche können etwas verschieden eingerichtet
werden für die Kleineren und Größeren und auch besonderen
Andachten dienen.

Die Montessori-Schule ist nicht ein Lern- sondern ein Bildungs-
und Lebensbereich. Die Kinder kommen nicht nur zum Lehrer,
um dessen Wort zu hören, sondern sie treten in dieses Haus
ein, weil es das ihre ist, wie sie es anderswo zu friedvoller,
ruhiger, exakter Bildung nicht finden. Helene Helming.

Eine moderne amerikanische Schule

Die Hessian - Hills - Schule ist eine Privatschule, die von
einer Elternvereinigung in Croton am Hudson, eine Stunde
außerhalb New Yorks, gegründet wurde. Sowohl in pädago-
gischer als auch in baulicher Hinsicht hat sie in der amerika-
nischen Öffentlichkeit, wie Berichte der Tagespresse zeigen,
Aufsehen erregt und großen Anklang gefunden. Ein Vergleich
unter beiden Gesichtspunkten mit den jüngsten europäischen
Leistungen und Bestrebungen auf diesem Gebiete dürfte von
Interesse sein, besonders im Anschluß an die vorangehenden
Ausführungen von Frau Helming.

Aus dem erzieherischen Programm der Schule:

(Direktoren: Elisabeth Moos und Robert Imandt.)

Der Erziehungsplan der Hessian-Hills-Schule reicht vom
vom 2. bis zum 14. Lebensjahr. Er bezieht die Zwei- bis Sechs-
jährigen, die bei uns meist noch in den Kindergärten ohne
direkte Verbindung mit den Grundschulen betreut werden,
ohne jede Trennung in eine Gesamtschule ein. Dieser einheit-
liche, organisch aus den erzieherischen Bedürfnissen sich er-
gebende Aufbau des Schulplans ist, wie auch viele seiner
Einzelheiten nahe verwandt mit dem Montessori-Programm.
(Die folgenden Zitate sind übersetzt aus dem von der Schule
herausgegebenen, ausführlichen Programm.)

„Die Hessian-Hills-Schule will eine physische und geistige
Umgebung schaffen, in der das Kind sich frei entfalten, seine
verborgenen Fähigkeiten aufs beste entwickeln und ein froher,
harmonischer und zielbewußter Mensch werden kann."

„Erziehung ist nicht nur eine Vorbereitung für das Leben.
Im Gegenteil, sie ist selbst Leben besonders intensiver und
wesentlicher Art. Wir geben den Kindern jede nur irgend

mögliche Gelegenheit zu praktischer Erfahrung, besonders in
geselliger Zusammenarbeit und in eigener Verantwortlichkeit.
Die Kinder übernehmen mit größtem Eifer die verantwortliche
Verwaltung der Schulvorräte, der Bücherei, des Grundstücks,
des Obstgartens. Sie sorgen für die Ponys, die der Schule
gehören, für die Kaninchen, Schafe usw. Diese Verantwort-
lichkeiten werden nicht künstlich herausgebildet, sondern sie
entstehen aus wirklichen, notwendigen Aufgaben, die be-
deutend genug sind, die Kinder ernsthaft zu beanspruchen,
ohne sie zu überlasten."

„In der Schule arbeiten Lehrer und Eltern an den gemein-
samen Problemen in ungewöhnlich hohem Maße zusammen,
denn wenn das Kind nicht widerstreitenden und sich gegen-
seitig aufhebenden Einflüssen ausgesetzt werden soll, müssen
Elternhaus und Schule soweit als möglich die gleiche Ein-
stellung gegenüber den Grundwerten des Lebens haben. Da
die Ergebnisse, die wir erstreben, nur durch eine enge Ver-
bindung von Elternhaus und Schule erreicht werden können,
wird die Mitarbeit der Eltern bei der Aufnahme eines Kindes
vorausgesetzt. Die Schule hält nichts von formellen Zeug-
nissen mit Zensuren und allem was dazu gehört. Sie führt
aber einen vollständigen Lebenslauf, nicht nur über den schul-
mäßigen Fortschritt jedes Kindes, sondern auch über seine
seelische Entwicklung und über sein geselliges Verhalten. Mit
den Eltern werden häufig Konferenzen abgehalten."

„Die Kleinsten müssen damit beginnen, sich in ihrer eigenen
kleinen Gemeinschaft zurechtzufinden und erweitern schritt-
weise ihren Erfahrungsbereich auf die größere Umwelt. Bei
häufigen Ausflügen und Exkursionen beginnen sie zu sehen

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