Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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rung die beste Vorbedingung: Anständigkeit der Gesinnung,
Sauberkeit der Leistung und Ehrlichkeit des Ausdrucks, die For-
derungen der Vorkämpfer der Qualität vor 25 Jhr., sind in einem
weit allgemeineren Sinne Glaubenssätze der Jugend von heute.

Daß das Qualitätsgewissen im deutschen Handwerk, trotz
allem, auch heute nicht tot ist, sieht man übrigens mit Freude
aus den Mitteilungen, die Dr. Schild, der Generalsekretär des
Reichss'randes des Handwerks, über den Entwurf eines kom-
menden Handwerksgesetzes veröffentlicht. Dieses Gesetz soll
u. a. die „schrankenlose willkürliche Konkurrenzwirtschaft" be-
seitigen helfen; an ihrer Stelle wird eine Konkurrenz-Moral ge-
fordert, „welche den öffentlichen Wettbewerb regelt und einer-
seits zum Schutz des Verbrauchers, andererseits zum Zwecke
ehrlichen Wettbewerbs der Standesgenossen untereinander für
Qualitätswahrheit und Preisehrlichkeit sorgt".

Auch von andern Seiten her und zum Teil von andern Trieb-
kräften aus wird die Qualitätsforderung gerade jetzt von
neuem lebendig. So sind die Bemühungen auf dem Gebiet
der Ursprungs- und Qualitätsmarken erneut aufgenommen
worden. Hier geht der stärkste Antrieb gegenwärtig aller-
dings von der Sorge um den Schutz des heimischen Marktes
aus. Daß man nicht vom Ausland kaufen soll, was man im In-
land zum gleichen Preis und eben so gut herstellen kann, ist
im Zeitalter der nationalen Erhebung ein selbstverständlicher
Grundsatz. Dennoch fehlt diesem Grundsatz bei uns noch viel
von jener volkstümlichen Verbreitung, die er etwa im liberalen
England — zu schweigen von Italien — bereits gefunden hat.
Die einheitliche Marke, die den einheimischen Ursprung kennt-
lich macht, ist zweifellos das sicherste Mittel einer durch-
greifenden Massenpropaganda. Aber diese Marke ist noch
nicht da, und sie zu finden und durchzusetzen ist aus vielen
Gründen schwerer als der Laie denken mag. Noch schwerer
aber ist das Problem der Qualitätsmarke, die für Material-
reinheit oder für die Erfüllung bestimmter Leistungsansprüche
Gewähr leisten soll. Keineswegs ist Ursprungsmarke und Quali-
tätsmarke ohne weiteres dasselbe, wenn auch für Einzelfälle
eine gemeinsame Lösung (Beispiel: die Schwurhand für
deutsches Leinen) möglich ist.

Bei näherer Ueberlegung wird man vielleicht überhaupt den
Eindruck gewinnen, als ob dem Begriff der Qualität etwas
eigentümlich Schillerndes, Ungewisses anhafte. Und wir glauben
in der Tat, daß es nötig sein wird, diesen Begriff einer
neuen Klärung zu unterziehen, und zwar aus der Praxis für
die Praxis. Es gibt einen Begriff von Qualität, der sich aus-
schließlich auf das Meß- und Wägbare beschränkt, man denke
z. B. an die Zerreißfestigkeit eines Gewebes, die Wasser- und
Luftdurchlässigkeit eines Baustoffes, das Gewicht einer Papier-
sorte und vieles andere. Auf allen diesen Gebieten ist in den
letzten Jahrzehnten von den Materialprüfungsämtern, vom
Reichskuraiorium für Wirtschaftlichkeit, vom Deutschen Normen-
ausschuß, vom Reichsausschuß für Lieferungsbedingungen eine
kaum noch übersehbare Arbeit bereits geleistet worden. Die
Umsetzung dieser Arbeitsergebnisse in die wirtschaftliche Praxis
der Erzeuger und gleichlaufend damit ihre Popularisierung in
den Massen der Verbraucher bleibt jedoch noch zum größten
Teil eine offene Aufgabe.

Neben diesen meß- und wägbaren Qualitäten gibt es aber
noch eine Qualität, die sich dem Maß und der Waage entzieht,
oder über deren Wesen wir durch mathematische und natur-
wissenschaftliche Analyse nichts erfahren. Der Titel dieser Zeit-
schrift ist zu eng: nicht allein und nicht einmal primär handelt
es sich dabei um die Form. Sind Schuhe, Teekannen, Auto-
mobile, Bettbezüge, Taschenmesser, Bücher, Papiergeldscheine,
Postämter zunächst für unser Auge da? Nein. Aber sind die
Ansprüche, die man an sie stellt, restlos in Zahlen aus-
zudrücken? Auch nicht. Jedes Ding unserer Zivilisation soll
seine Leistung erfüllen, für die es gemacht ist, außerdem hat
es, als konkretes Ding, sein Aussehen, irgendeins, und nicht
nur sein Aussehen, sondern seine Rückwirkung auf die gesamte
körperlich-seelische Ganzheit dessen, der es gebraucht. Die
Qualität schlechtweg entsteht erst durch die Art, wie alle
diese verschiedenen Qualitäten, die meßbaren und die un-
meßbaren, zur Einheit gebracht sind.

Doch auch diese Überlegungen gelangen noch nicht ans
Ende. Denn sie erfassen noch nicht die konkrete aktuelle Be-
sonderheit des Qualitätsproblems, die in der heutigen be-
sonderen Lage des deutschen Volkes gegeben ist. Die Neu-
ordnung unserer Wirtschaft verlangt den Einsatz schärfsten
kritischen Verstandes, der unentbehrlich ist zur Gleichrichtung
der schöpferischen und unternehmerischen Willenskräfte. Für
das kritische Auge eines auf volkswirtschaftliche Gleichrichtung
eingestellten Verstandes aber muß die Forderung der Qualität
heute einen ganz neuen Charakter gewinnen. Wenn in der
Tat Gemeinnutz vor Eigennutz gehen soll, so kann man un-
möglich auf die Dauer an der ungeheuren Verschwendung
achtlos vorübergehen, die heute auf großen Gebieten der
gewerblichen Produktion getrieben wird, und die unvermeid-
lich ist, solange der Eigennutz allein Richtung und Art der
Produktion bestimmt. Die alte einfache Wahrheit, daß die
teuerste Ware — will heißen: die solideste Ware — die
billigste ist, war bisher praktisch ein Vorrecht dessen, der sich
die solide Ware leisten konnte. Und andererseits werden Jahr
für Jahr unzählbare Millionen an Rohstoffen und Arbeit hinein-
gesteckt in minderwertige Erzeugnisse, weil der häufige rasche
Umschlag des Kapitals mehr Gewinn verspricht als die Pro-
duktion haltbarer Qualitätsware. Die Psychologie des Moden-
wechsels, die geringe Leistung schlecht entlohnter Arbeitskräfte,
das kleinere Risiko billiger und schlechter Rohstoffe, schließlich
der rasche Verschleiß minderwertiger Produkte — alle diese
Faktoren wirken hier in einem verhängnisvollen Kreis zusammen
und führen zu Fehlleitungen der Wirtschaft, die insgesamt eine
schwere Schädigung der Güterversorgung unseres Volkes
bedeuten.

Demgegenüber kann der volkswirtschaftlich verstandene Be-
griff der Qualitätsproduktion in entscheidender Weise nur zur
Geltung gebracht werden, wenn im Zuge der weiteren Ent-
wicklung der Umbau des wirtschaftlichen Alltagslebens von den
dazu Berufenen in Angriff genommen wird. Die Mitarbeit aller
derjenigen gewerblichen, künstlerischen und wissenschaftlichen
Kräfte, die schon aus eigener Initiative sich in den Dienst des
Qualitätsgedankens gestellt und sich seinen Forderungen unter-
worfen haben, wird dabei nicht entbehrt werden können.

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