Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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verloren ist, was in den Städten einst Dauerwert hatte. Es geht
nur darum, eine neue Ordnung vorzubereiten, in der nicht
eins das andere vergewaltigt. Es ist eine Binsenwahrheit, fest-
zustellen, daß die Menschen die Städte über haben und daß
man ihre Daseinsberechtigung seit einigen Jahrzehnten zur
Diskussion stellt. Moderner Städtebau ging bewußt von einer
durch diese Gedanken eingegebenen oppositionellen Haltung
aus. Er hat jedoch meist nicht damit aufgehört, das alte Prin-
zip der Akkumulierungen fortzuführen. Die letzten \ 'A Bau-
jahrzehnte unterschieden sich von der Vorkriegszeit darin, daß
sie weniger einen Individualismus der einzelnen, als einen
Individualismus der Gruppen (Genossenschaften) pflegten,
jedenfalls nach wie vor den alten Individualismus. Hierüber
hatten natürlich nicht Architektennamen, sondern die gesell-
schaftliche Verfassung zu entscheiden. So konnten mangels rest-
los zu Ende gedachter neuer Organisationsformen aller Stadt-
elemente und mangels hinreichend zwingender, wenn man will,
universalistischer Lenkung sich in den nicht gerade zur Dis-
kussion stehenden Altstadtbezirken nur immer wieder neue
Ueberschichtungen ergeben. Aufgabe pfropft sich auf Auf-
gabe. Wo einst auskömmlicher Raum zum Wohnen und zur
Ausübung der Gewerbe war, wo auch die Bezirke die Passanten
und ihr Tun befriedigend zu fassen vermochten, da kann im
ungünstigsten Falle heute etwa folgendes zusammenkommen:
Die Kopfzahl der Bewohner hat sich zunächst aus Gründen
der gesamten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung um
ein Vielfaches erhöht und die Schichten sind in der Regel in
der Klassenfolge enorm herabgesunken. Oft genug gehören

Die Rückseite des sakrosankten „Städtebildes": Elendsquartiere,
trauriger Verfall, stickige Morbidität. Foto: Günther Sander.

Hier dürfte kein Mensch mehr wohnen. Altstadthof um 1885.

Foto: August Sander.

sie dem Proletariat an (Hamburger Gängeviertel). Ob die
Baukörper groß oder klein sind, sie sind meist im Laufe der Zeit
in zahlreiche Zellen untergeteilt worden, Elendshöhlen, in
denen sich eine objektive Wohnungsnot immer konstant ge-
blieben ist. Alle sozialen und volkshygienischen Schäden ge-
deihen hier in Reinkultur. Schwerpunktverlagerungen im
Gesamtbild der Städte haben die ältesten Bezirke oft in eine
Abseitigkeit zurücksinken lassen, wo ihre Umwandlung in
Slums unvermeidlich wurde. Diese Abseitigkeit pflegt die
Quartiere aber heute nicht davor zu bewahren, von den um-
gebenden Bezirken in verschiedener Hinsicht mitbenutzt zu
werden, ihre Antiquiertheit und Verkommenheit ist kein Dorn-
röschenschlaf. Die Straßen binden sie fest an das Ganze. Alle
Stießen und Plätze aber, weiterhin alle Höfe, Gärten- und
Freiflächen sind raum-algebraisch verstellt und zugebaut. Die
verschiedensten Gewerbe, Werkstätten, Fabriken, Schuppen
und Ställe sind in die kleinsten Winkelchen gekrochen und be-
decken jeden Fußbreit Bodens. Der hygienische Sinn der Frei-
fläche kann sich an keiner Stelle erfüllen. Die Straße diente
einst als Lebensraum erster Ordnung, heute dient sie dem Ver-
kehr. Daß sie dem Verkehr dient, ist nicht nur ein Schlagwort,
sondern noch mehr ein Schicksal. Man ist sich noch nicht
grundsätzlich darüber klar geworden, daß das Automobil seit
1920 den Menschen die Straße fortgenommen hat. Die Straße
der Altstadt als Begriff gesehen ist aus einem statischen Element
ein dynamisches geworden. Ein Fluß ist kein Lebenselement für
Landgeschöpfe. Man braucht nicht einmal an Lärm, Gefahr,
Staub und schlechte Luft, die Begleiter des Motors zu denken.
Das Auto hat eigentlich erst die gesamte Großstadt unerträg-
lich gemacht, am heftigsten die überlasteten Altbezirke, es hat
das letzte annektiert, wo ein Mensch noch stehen und gehen
konnte, die letzte Illusion von räumlicher Freiheit. Wer sich

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