Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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diese Flächen zu einem zusammenhängenden, von der Straße
unabhängigen, diese höchstens hier und da überschneidenden
eigenen System menschenwürdiger Aufenthalts- und Passier-
räume vereinigen lassen. Für Köln z. B. hat man privatim auf
dem Papier den Versuch gemacht und ist zu verblüffenden
Ergebnissen gekommen. Das so gewonnene „innere" Freiraum-
system, das um den Platz noch bereichert würde, an dem heute
noch An- und Querbauten, Hofbebauungen und der ganze
Grind wilder formloser Wucherungen zu finden sind, müßte an
das größere gleichsam „offizielle" Grünflächensystem der
übrigen Stadt, soweit es vorhanden ist oder vorgesehen wird,
angeschlossen werden. Es darf nirgendwo darauf ankommen,
Schauseiten und Repräsentation zu machen. Beides macht
nicht froh. Farbe aber kann froh machen. Man kann natür-
lich heute nicht mehr daran denken, die Versuche von Magde-
burg in der Art vom Jahre 1920 wieder aufzunehmen. Ohne
Zweifel war der Gedanke gut, soweit die Farbe die be-
drückende Massigkeit von Baukörpern und den Eklektizismus
falscher Ornamente aufheben sollte. Man kann das auch ohne
Expressionismus erreichen, mehr in einem konstruktiven Sinne,
streng farbpsychologisch. Auf diese Weise könnten die dumpfen
Ziegelschächte und die blinde Sturheit riesiger Wände, deren
sichtbare Zahl sich bei jeder Art Sanierung und Abbruch nur
vermehren wird, wesentlich von ihrem Trübsinn verlieren. Die
barbarische Manier, ganze Felder mit irgendwelchen banalen
Reklamen zu bemalen, dürfte bei einer grundsätzlichen Neu-
ordnung nicht stillschweigend fortgesetzt werden. Statt ihrer
ließen sich typographisch streng geordnete Texte und Schau-
bilder denken, die die Allgemeinheit tatsächlich etwas an-
gehen, etwa Wegweiser, Pläne, Hinweise auf O'rtlichkeiten,
Gebäude und dergl. mehr. Ordnung ist auch gleichzeitig
Ruhe. Alles, was das nervenverbrauchende Feuerwerk, das
Destruktive heutiger Großstadträume in Ruhe wandeln kann,
ist begrüßenswert.

Wir sagten eingangs, eine Altstadtsanierung könne nur im
Sinne eines Funktionalismus aufgefaßt werden. Um zwei Kom-
plexe dreht sich, wenn dieses Stichwort fällt, der Meinungsstreit
besonders, um die Wohnungen der Altstadt und um die be-
merkenswerten, kunsthistorisch interessanten Einzelbauten und
Städtebilder.

Man hat auch früher Altstädte saniert. Man kann dabei so
verfahren, daß man ganze Quartiere einfach abreißt und die
Bewohner als quantite negligeable behandelt, sie entweder
überhaupt ihrem Schicksal überläßt oder schematisch umsiedelt,
wobei der Hauptakzent auf Prachtstraßen, Denkmälern und
repräsentativen Schauseiten liegt, die man statt des Alten auf-
zubauen gedenkt. S o geht es nicht. Man reißt nicht wegen
der Fassaden ab, sondern um den Menschen menschenwürdige
und preiswerte Wohnungen zu geben. Es ist nicht so wichtig,
Städtebilder zu haben, die sich in der Photographie gut aus-
nehmen, als eine Bevölkerung, die nicht in der zweiten Gene-
ration ausstirbt, weil die Eltern in ihren Mauern verelendeten.
Jede Sanierung ist halb, die nicht die Wohnung grundsätzlich
voranstellt.

„Städtebilder". Der Begriff ist ein Phantom, ein Fetisch, eine
Konstruktion. Geht man ihm im Einzelfall streng nach, so stellt

sich meist heraus, daß sich das „althistorische" Städtebild alle
10 Jahre gewandelt hat (z. B. Köln). Jede Generation hat
mehrfach daran geändert. Trotzdem glaubt man immer noch
ein Urbild vor sich zu haben, dem alle möglichen Lebenswerte
geopfert werden und das dennoch von mächtigeren Armen,
der Eisenbahn, von Brücken, Kaufhäusern, Markthallen usw.
nach dem freien Spiel der Kräfte ständig verschoben wird.
Diese Mächte fragen nicht nach dem Ästhetischen. Im Grunde
kommt es auch nicht darauf an, sondern lediglich darauf, daß
andere Leben nicht zu kurz kommen. Natürlich gibt es einen
Sfadtraum und ein Raumgesicht mit Kirchen, Häusern, Plätzen
usw., aber nicht als starre Fassaden, sondern als Wachstums-
gesetzen unterworfene Gegenspieler sinnlich - seelischer Be-
dürfnisse. Insofern ist der Stadtraum und, wenn man will, das
Ästhetische, auch eine Funktion, aber als solche nach strengen
gestalterischen Gesetzen ausgerichtet, Gesetzen, denen jede
Art Repräsentation zuwiderläuft. Das heißt praktisch: Gemüts-
werte (Städtebild) sind nie als Kulisse zu retten. Alte spitz-
giebelige Häuser, die morsch und dem Zusammenbruch nahe
sind, kann man nicht künstlich auffrischen, indem man sie
„renoviert". Man täuscht die schlichte Einfalt des anonymen
Betrachters, der Altes zu verehren glaubt und Ersatz vor
Augen hat. Man erinnere sich auch, was wir oben bei der Be-
trachtung des Weitengefühls über die Bedeutung alter Bauten
sagten. (Das historische Baugut als Gebrauchswert!) Morsches,
tatsächlich Totes kann man nur, wenn kein Stützen, keine kon-
struktive Hilfe mehr nützt, abreißen. Auch Architektur stirbt.
Eine Überheblichkeit, zu glauben, man könne den Tod betrügen.

Endgültige Verhaltensweisen lassen sich nicht aufstellen, man
kann diesem heiklen Baugut nur unendlich vorsichtig nahen,
indem man die Extreme meidet, entweder blindlings abzu-
reißen (ein noch nicht ganz überwundener Standpunkt der
Gründerjahre) oder mit Fälscherwerk eine museale Konser-
vierung zu betreiben. Ein Ersatz alter Bauten ist, soweit er
in Frage kommt, nur in bester zeitgenössischer Form denkbar.
Jede romanisierende, gothisierende, barockisierende Archi-
tektur ist Illusionsmache, Theater.

Das Cityproblem hat noch eine zweite Seite. Was die Kerne
zu viel haben, das haben die Außenbezirke zu wenig, be-
sonderns die Neubausiedlungen. Nicht nur, daß ein verwal-
tungsmäßiger Zentralismus sie zu abhängigen Anhängseln des
Stadtinnern macht. Häufig ist in ihnen auch ein nur unbefriedi-
gendes Leben möglich. Sie sind wie „Stadt" gebaut und sind
es doch nicht ganz, eine in sich ruhende Ländlichkeit geht
ihnen gleicherweise ab. Sie sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Die
den soziologischen Gegebenheiten entsprechenden Gemein-
schaftshäuser liegen in der City: Bildungsstätten, Konzertsäle,
Museen, Kinos usw. Kein Wunder, daß für manchen Bewohner
die Wohnung nichts weiter ist als Schlafstätte, während sich sein
übriges Leben auf Büro, Restaurant usw. verteilt. Diese Dinge
sind nicht neu. An sie sei lediglich erinnert, um zu zeigen, daß
eine Neuverteilung der Stadtelemente viel mehr betrifft als nur
die willkürlich herausgegriffene Altstadt, daß Altstadtsanierung
gleichbedeutend ist mit Stadtsanierung und daß man, um die
Sache zu treffen, besser sagen würde: Neuorganisierung
der Städte.

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