Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Die Darstellung des Werkstoffes Putz

OTTO RÜCKERT, MÖNCHEN

Die Gepflogenheit, Bruchstein- oder Ziegelmauerwerk mit
einem Gemengsei aus Kalk und Sand zu verkleiden, geht bis
auf die Arfänge der Baukunst zurück und wurzelt sowohl in
wirtschaftlichen wie in schönheitlichen Überlegungen. Wenn
auch der praktischen Bedeutung des Verputzes, — Schutz der
Mauer gegen atmosphärische Einflüsse und die Sicherstellung
der sogenannten Gebäudeatmung —, im gewissen Sinne das
hauptsächliche Augenmerk zugewendet werden muß, so darf
andernseits nicht übersehen werden, daß dem Putz hinsichtlich
seines Aussehens von ehedem die wichtige Rolle eines architek-
turalen Momentes zugewiesen wurde. Nicht umsonst spricht
man von der Haut eines Gebäudes und im weiteren Verlaufe
der Überlegungen von einem Kleide desselben, worunter einer-
seits das Wesen der technischen Funktionen, andernseits das des
Aussehens zu verstehen ist. Die diesbezüglichen Arbeitsver-
fahren fußen auf der richtigen Verwendung der Grundstoffe
Sand und Kies, bzw. einiger besonderer Gesteinsmischungen
und des Bindemittels Kalk, das hie und da durch die ver-
schiedenen Zemente ersetzt wird. Auf dem physikalischen Ver-
halten der aus diesen Grundstoffen und Bindemitteln auf-
gebauten Mörtel beruht die Haltbarkeit und Wetterfestigkeit
der Verputze.

Die primitivste Art der Mauerverkieidung ist das Kalken des
Mauerwerkes, eine Übung, die besonders in südlichen Ländern
(Süditalien, Nordafrika, Griechenland) gang und gäbe ist und
die auch im Norden hier und dort Eingang gefunden hat. Durch
die Anwendung der Kalkschlämme wird die durch den lager-
haft gemauerten Bruchstein erzeugte eigenartige Struktur der
Wandfläche zu einer gewissen Einheit zusammengeschlossen,
eine Erscheinung, die bei dem Kalken von Backsteinmauerwerk
nicht in dem gleichen Ausmaße erreicht werden kann.

Im großen ganzen kann man die Verputze in 3 große
Gruppen einteilen: Kalkputze (Weißkalk-, Graukalk-, Wasser-
kalk-, Zementkaik- und Romankalkputze), Zementputze und so-
genannte farbige Trockenmörtelputze (Edelputze und Stein-
putze). Es kann nicht im Sinne dieser Abhandlung liegen, die
Vorzüge und Nachteile der einzelnen Putzarten aufzuzeigen,
bzw. zu untersuchen, oder aber historische Vergleiche zur Recht-
fertigung des einen oder anderen Verfahrens heranzuziehen.
Der wesentliche Unterschied zwischen den einzelnen oben
eingegebenen Verfahren besteht hauptsächlich darin, daß die
sogenannten Kalk- und Zementputze als einfarbige, kalkweiße,
grauweiße und bzw. graue Fläche in Erscheinung treten, wäh-
rend die sogenannten Edelputze (z. B. Terranova) kraft ihrer
Eigenschaft als durchgefärbte Masse einen von dem Baumeister
oder Handwerker zu bestimmenden Farbton besitzen. Der so-
genannte Steinputz, der im Gegensatz zu den Kalk- und
Tiockenmörtelputzen mit dem Steinmetzwerkzeug bearbeitet
werden kann, besitzt nahezu das gleiche Aussehen wie Natur-
stein und es ist keine Seltenheit, daß mit Hilfe dieses Arbeits-
verfahrens poröse Natursteine wie Travertin oder Muschelkalk
täuschend nachgeahmt werden.

Die Färbung des Kalk- und Zementputzes kann nur mit Hilfe
des sachgemäßen Anstriches geschehen. In Gegenden mit
guten Kalkvorkommen ist dem Weißkalkputz unbedingt der
Vorzug vor allen anderen Putzarten zu geben. Der blendend
weiße Kalk des Alpenvorlandes und der Alpenländer zeichnet
sich nach dem Auftrocknen durch eine ungewöhnliche Klarheit
und durch eine ganz bestimmte transparente Leuchtkraft aus.
Diesem Vorzug verdanken u. a. auch die Kalkfarbenanstriche
ihre ausgezeichnete Wirkung. Bei der Vornahme solcher An-
striche wird das einzelne Putzkorn nicht vollständig eingehüllt
und aus dieser Tatsache erklären wir die reizvolle optische
Erscheinung der verputzten und getünchten Mauerflächen.
Dieses Verfahren steht somit in einem gewissen Gegensatz zu
den mit licht-, kalk- und wetterechten Pigmenten durchgefärbten
Edelputzen, bei denen selbst das winzigste Korn ais selbstän-
diger Farbträger zu gelten hat. Bei der Aufbereitung des
Mörtels spielen vor allem die durch eine Reihe von Faktoren
bedingten Kenntnisse von dem Verhalten gegenüber den atmo-
sphärischen Einflüssen und der damit verbundenen Schadhaft-
werdung, Verrußung und Verschmutzung eine entscheidende
Rolle. Einige der Abhandlung beigegebene Abbildungen
lassen deutlichst eine Reihe von Schäden erkennen, die oben-
drein durch eine ungenügende handwerkliche Erfahrung oder
aber durch Fahrlässigkeiten verursacht wurden.

Eine der obersten Forderungen, die an den Putz gestellt
werden, ist die, daß er bis zu einem gewissen Grade wasserab-
weisende Eigenschaften besitzen muß. Putzflächen, denen diese
Eigenschaften nicht zugesprochen werden können, fallen inso-
fern einer raschen Verrußung und Verschmutzung anheim, als
mit jedem Regen die in den Poren des Putzes sich ablagernden
Ruß- und Staubpartikel eine starke Vermehrung erfahren. Be-
sonders rauhgeputzte Fassaden werden von diesem Übel ver-
hältnismäßig schnell befallen und es ist eigentümlich genug,
daß eine ganze Reihe von Farbtönen, z. B. graugelbe und
graugrüne, im Ablaufe der Verrußung verhältnismäßig gut mit
Ruß und Staub zusammenwachsen, während andere, besonders
rote und blaue Töne, sehr schnell unansehnlich und nachgerade
auffallend häßlich werden. Im Zusammenhange mit diesen
Bemerkungen sei noch darauf hingewiesen, daß bis zu einem
gewissen Grade vor dem Gebrauch öfters als Allheil-
mittel gegen die atmosphärischen Einflüsse gepriesenen Zement-
putzes gewarnt werden muß. Nicht nur allein, daß der Zement-
putz ein etwas unerfreulich-graues Aussehen besitzt und in den
meisten Fällen fleckig aufzutrocknen pflegt, er vermindert auch
durch seine Dichtigkeit die Atmung der Wände, die durch Olfarb-
anstriche auf ein Minimum reduziert wird. Außerdem neigt der
reine Zementputz, bedingt durch seine besonders bei trockener
Luft eintretende Eigenbewegung, zur Bildung von größeren und
kleineren Rissen, die insbesonders bei gestrichenen Flächen
einen fatalen Eindruck hinterlassen. Das Aussehen verputzter
Fassaden wird zunächst von der Struktur der Putzfläche, also
von der Darstellung des Werkstoffes her bestimmt. Bereits die

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