Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Alberf Renger-Patzsch, Essen.

Berufsfotografie

W. NIEMANN, BERLIN

Solange die Fotografie besteht, hat es immer wieder
Menschen gegeben, die von der Fotografie als von einer
Kunst gesprochen haben, und viele Fotografen fühlen sich
noch heute als Künstler. Man sollte endlich sich auch in der
Fotografie darüber klar sein, daß die Beurteilung, ob ein
Werk ein Kunstwerk ist, nicht von seinem Erzeuger aus bestimmt
werden kann. Eine jede Kunst erwächst auf dem Boden eines
sauberen und guten Handwerks. Die Verachtung der hand-
werklichen Grundlagen führt zu einer Mißachtung des mütter-
lichen Bodens, aus dem heraus die Kunst wie eine blühende
Pflanze sich erhebt. Völlig falsch ist es, wenn Fotografen ihren
Ehrgeiz dareinsetzen, Bilder „ä la Rembrandt" oder „ä la
Gainsborough" herzustellen. Man kann nicht mit der Fotografie
Werte des Ausdrucks und der Technik, wie sie in der Malerei
oder der Grafik zur Geltung kommen, nachahmen.

Gewöhnen wir uns deshalb daran, von der Fotografie als
von einem Handwerk zu sprechen, und zwar mit echtem, altem
Handwerkerstolz. Im Rahmen des deutschen Handwerks ist
die Fotografie einer der allerjüngsten Zweige, aber die Werte,
die im Handwerk gewachsen sind, sollen auch ihr Schaffen
beseelen. Diese Werte des Handwerks sind: die innere
lebendige Verbindung mit dem Volkstum, das Verantwortungs-
gefühl für das Werk und das hochentwickelte technische
Sauberkeitsgefühl.

Unserem jungen Gewerbe steht im Vergleich zu anderen
Handwerkszweigen ein technisch hochentwickeltes Arbeits-
material zur Verfügung. Linse, Kamera, Negativmaterial und
Papier sind heute in technischer und chemischer Hinsicht so
vervollkommnete und auf feinste Werte und Verschiedenheiten
eingestellte Dinge, daß sie nicht nur von dem, der damit
arbeitet, eine weitgehende Kenntnis und Erfahrung verlangen,
sondern auch eine gefühlsmäßige Einstellung, sozusagen ein
Fingerspitzengefühl für das Material. Diese besondere Ein-
stellung zum Material, sei es Naturmaterial, wie Stein, Holz
und Eisen beim alten Handwerk oder seien es neue Mate-
rialien, ist ja ein wesentliches Kennzeichen des Handwerkers.

Der Fotograf lernt genau so drei Jahre wie jeder Hand-
werker und genau wie jeder andere Handwerker ist es not-
wendig, daß er sich mit seiner Arbeit ständig weiterbildet.
Die Meisterlehre ist das Rückgrat der handwerklich fotogra-
fischen Ausbildung.

Es ist nicht zu verkennen, daß in der Fotografie heute dem
Amateur neben dem Fachmann eine bedeutende Rolle zukommt.
Wenn der Fachmann auf den Amateur verächtlich herabsieht,
so ist das ebenso falsch, wie wenn der Amateur sich über den
Fachmann erhebt. Die große Bedeutung des Amateurs liegt
darin, daß er in der Breite des Volkes mit seiner Arbeit Ver-
ständnis für die besonderen fotografischen Werte weckt, genau

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