Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Der Sonntags-Mittagstisch. Tischtuch von Elsa Gullberg, Almedahl-Dalsjöfors (vgl. Abb. S. 360), Neusilber der Guldsmeds A. B. in
Stockholm. Porzellan der A. B. Rörstrands Porslinfabriker, Glas von Kosta Glasbruk.

ein, wenn auch winzig kleiner, Ausschnitt aus der Arbeit an
der Erneuerung des deutschen Menschen, die wir alle an-
streben. Das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, um
allen naheliegenden Mißdeutungen vorzubeugen.

Wenn wir fordern und daran arbeiten, daß die Hausweberei
wieder Allgemeingut des deutschen Volkes und besonders der
Landbevölkerung wird, so tun wir das nicht aus einer ver-
staubten Romantik heraus, nicht um im Interesse Einzelner etwa
eine Hochkonjunktur in Volkskunst zu entfesseln, sondern aus
sehr nüchternen Erwägungen und um des Gemeinwohls willen.
Mit Primitivitätskult und Maschinenstürmerei hat das nichts zu
tun. Wohl aber erziehen wir das Volk durch die eigene Arbeit
am Handwebstuhl zu einer Vertrautheit mit den textilen Werk-
stoffen, die Gutes vom Schlechten unterscheiden hilft.

Wenn wir weiter fordern, daß der reiche Schatz unserer alten
Webmuster und Webtechniken wieder im Volke lebendig
wird, so heißt das eben nicht: gedankenloses Kopieren alter
Muster oder: Museumsluft aufs Land, oder gar: ganz Deutsch-
land eine große Kunstgewerbeschule, sondern es bedeutet
arbeiten und nochmals arbeiten, um Ewigkeitswerte zu erfassen,
die uns von unsern Vätern überkommen sind und auf Auf-
erstehung warten, auf Auferstehung aus dem Geiste unserer
Tage. Die schöpferischen Kräfte im Menschen wollen wir frei-
machen, um einen Weg zu bahnen zur Schaffung echter und
bodenständiger neuer Muster.

Und wer etwa denkt, daß die Industrie Schaden leiden
würde durch eine Ausbreitung der Handweberei, dem sei ge-
sagt, daß die Industrie schon jetzt einzusehen beginnt, welch
wertvoller Helfer ihr in der Handweberei erwachsen kann,
daß sie erkennt, daß ihr der Handweber eine Pionierarbeit
abnehmen kann, die sie selbst zufolge ihrer Struktur nicht in
der Lage ist zu leisten, und daß sich mit der Zeit eine lebendige
Wechselwirkung zwischen Industrie, Handwerk und Hausfleiß
ergeben wird. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das
Heft 3/1933 der „Form", in dem diese Seite der Frage gleich-
falls behandelt ist. Was der Bauer mit seiner Hände Arbeit am
Webstuhl selbst schafft, könnte er nur zum kleinen Teil im Laden
kaufen, da ihm das bare Geld fehlt. Er schafft also durch diese
Arbeit in sonst ungenutzten Winterstunden zusätzliche Werte
zum deutschen Volksvermögen, hilft unsere deutschen Rohstoffe
veredeln und hebt seine eigene Lebenshaltung.

Aufgaben sahen wir in Fülle. Wird ihre Lösung möglich sein?
Heute mehr denn je. Wir haben jetzt den Staat, der auch
Aufgaben wie die hier gezeigten als die seinen anerkennt,
einen Staat, von dem wir hoffen dürfen, daß er seine Hand
schützend und fördernd zu diesem Werk geben wird.

Dann wird das gelingen, was ich als erstrebenswert be-
zeichnete: daß das deutsche Leinen wieder einen dauernden,
von Modeströmungen nicht gefährdeten Platz im Herzen des
deutschen Volkes erhält.

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