Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Henkelkrug, Glasur hellbraun, Höhe 37 cm. Museum Rönne, Bornholm. Vorratsgefäß, Glasur grüngrau, Höhe 44 cm. Besitzer Herr Johs.

Ingerslev, Kopenhagen.

oder für wenige Kronen zu erwerben. Auch das Bornholm-
museum des einzigen Städtchens Rönne bewahrt noch eine
große Anzahl von Erzeugnissen des Töpferhandwerks, für deren
Datierung Anhaltspunkte vorhanden sind, wenn auch in den
abgebildeten Beispielen stilistische Merkmale vollkommen fehlen.

Diese Vorratsgefäße sind einfachstes, alltäglichstes Gebrauchs-
gerät. Soweit sie enge Offnungen haben und zum Gießen
bestimmt sind, handelt es sich um Kruken für Essig, Bier oder
sonstige Flüssigkeiten, die weiter sich öffnenden, in die man
mit der Hand griff, dienten als Einlegetöpfe für Heringe,
Gurken usf. Die Absicht, Kunst zu erzeugen, kann bei all diesen
Töpfereien nicht im allerenrferntesten in Frage gekommen sein.
Aber jedes dieser Gefäße, die ich als Fremdling und Sommer-
gast, dem nicht viel zugänglich ist, sehen konnte, war voll-
kommen schön. Ganz gleich, ob es im Museum stand oder bei
Sammlern und Altertumsforschern, ob es irgendwie beschädigt
auf einem Abfallhaufen gelegen hatte oder stark zersetzt
aus dem Meere gefischt worden war — überall fand sich
das gleiche, ganz hohe Formniveau, überall die gleiche
Schönheit.

Diese Erfahrung hat mich stark beeindruckt; denn wir
haben nicht Kunst, wir haben auch nicht Volkskunst vor uns,
da solches Gebrauchsgerät nur unter den Begriff reinen und
schlichtesten Handwerks fallen kann und wir haben doch eine
ganz hohe und vor allem ganz gleichmäßige Qualität. Daraus
folgt klar, da die Annahme einer abnormen Häufung genialer
Begabungen unsinnig wäre, daß die Vollkommenheit, die edle

noble Form — zumindest mit bezug auf die Dinge, die unter den
Kantischen Begriff der „anhängenden Schönheit" fallen — Lohn
und Folge der gut gekonnten Arbeit, Lohn des Fleißes und
glücklicher Umstände sind und nichts mit Intuition zu tun haben,
über die glücklichen Umstände wird noch zu reden sein.

Bei unseren Abbildungen handelt es sich also durchweg um
Erzeugnisse allererster Qualität, von hoher Formschönheit,
die sich im gewählten Milieu des Sammlers von sicherem Ge-
schmack unter Kunstwerken von hohem Rang ganz selbstver-
ständlich als gleichgeartete behaupten — ein sicherer Prüfstein
für Qualität! Bei dem auf S. 368 abgebildeten Gefäß z.B. wüßte
ich für die reine Linie und die Tönung der schwarzen, ins rötliche
spielenden Glasur überhaupt nur ostasiatische Keramik als Ver-
gleich heranzuziehen. Dabei steht einwandfrei fest, daß diese
Herings- und Gurkentöpfe, diese Bier- und Essigkruken Ge-
brauchsgerät unterster Ordnung waren, keinesfalls von Künst-
lern oder Kunsthandwerkern oder gar von Kunstgewerblern,
sondern von schlichtesten Handwerkern für alltäglichste
Zwecke gefertigt.

Die brennende für uns schicksalswichtige Frage, die sich aus
diesen und ähnlichen Zusammenhängen immer wieder ergibt,
heißt „Wie konnten diese Handwerker dieses Formniveau er-
reichen, wie konnte ein so hoher Durchschnitt überhaupt ent-
stehen?" Im Städtchen Rönne gibt es heute noch drei keramische
Fabriken und früher gab es in diesem Ort, der durch das
Vorkommen bester Rohstoffe für die Töpferei prädestiniert war,
zahlreiche Handwerksbetriebe. Ein Großteil der Einwohner war,
soweit ihm nicht das Meer als Schiffer oder Fischer Verdienst

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