Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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A.'Schelfhonts Traumbild, von Georg Ebers

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Marketenderin, von lv. Diez

Resultat langen Schaffens und Sinnens, klar und an-
sprechend zum Ausdruck zu bringen. Der Landschafts-
maler, sagte er, solle nicht nur wiedcrgebcn, was er als
schön und interessant und also als darstellenswert erkannt
habe; das echte Landschaftsbild solle vielmehr einer ge-
gebenen subjektiven Scelenstimmnng des Malers zum Aus-
druck verhelfen, und zwar so, daß es die gleiche Stim-
mung und Empfindung in dem Beschauer erwecke. Aber
um das zu vermögen, müsse der Maler sich ganz Eins
wissen mit seinem Objekt der Natur, der er oft seine
Stimmungen verdankt, und diese Einwirkung des Objektes
auf den Künstler, werde sich um so häufiger und tiefer
vollziehen, je besser der letztere die Sprache des elfteren
verstehe. Er fühle sich ganz als Produkt seiner Heimat,
mit deren Natur er in Einklang lebe, wie der Sohn mit
der Mutter, und es gebe vielleicht kein Land auf Erden,
dessen Eigenart so vollkommen dem Wesen seiner Be-
wohner entspreche. Er kenne keinen Zoll breit holländi-
scher Erde, der sich nicht in nächste Beziehung setzen ließe
zu dem Menschen, die sie ernähre, seinem Thun und
Denken. Da rauschte die Nordsee in ihrer gewaltigen
Kraft und aus der war die hohe Macht des kleinen
Holland erwachsen, beweglich wie das Gewölk, heiter in
der Lust und tief ernst in entscheidenden Stunden, wie
sein Himmel war das Gemüt seines Volkes, dessen stetiges
Wesen er mit dem Immergrün seiner Wiesen verglich.
Bedurfte es für den Niederländer eines großen Auf-
wandes von Einbildungskraft, um ein Meer mit siegreichen
und Schutz bringenden Flotten zu bevölkern, erzählte denn

nicht jede Düne, jedes Wasserwerk von dem ausdauernden
Mute der Seinen? War es anders möglich, als daß ein
lebendiger Freihcitssinn die Brust derer erfülle, deren in
die Ferne schauendes Auge nichts beschränkte als der luftige
Äther? Das Vieh und solches Vieh auf den Matten,
und solchen Matten, welch ein Symbol des Segens, mit
dem Gott seine Heimat begnadigt! Wo fühlte der Mensch
sich heimischer, wo wurzelte er fester an der Scholle als
hier, wo es gegolten hatte, das Land dem feindlichen
Elemente abzuringen und wo es dem immerfort oblag,
das feindliche Element des Wassers für mannigfaltige
Zwecke dienstbar zu erhalten? Das Netz seiner Kanäle
fing den Holländer ein, hielt ihn fest an seinem Lande.
Um es in Stand zu halten mußte jeder die Arme regen,
mußte einer dem andern zur Hand sein, fühlte Mann für
Mann sich bewogen, dem leitenden Geiste zu gehorchen,
der sich in dem gesunden, vielköpfigen Körper der General-
staaten rührte, in dem jeder freie Bürger einen Teil des
eigenen Willens erkannte, und dessen Beschlüsse der Landes-
herr willig zur Ausführung brachte. Üppiges sommer-
liches Grünen und Blühen und stille winterliche Ruhe,
auch darin fand der Künstler ein Abbild menschlichen
Wesens in der Natur, und gerade die Winterstille seiner
Heimat zog das gemessene, ruhige Wesen Schelfhouts an.
Seine Schneelandschaften geben seiner friedvollen, still
sinnigen Weise den faßlichsten Ausdruck. Wie frisch ist es
draußen, wie heimlich und warm muß es in den ver-
schneiten Hausern sich leben, die er so gern malte!

„Du gehst vielleicht doch noch im nächsten Winter
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