Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Über die Ähnlichkeit von Bildnisse»

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aus uuserm Vorstadtschauspieler, da er jetzt einen Vollbart und Schnurrbart trägt, einen weichlichen SybartteN;
während der Vorstadtschauspieler den Kopf steif und kerzengerade hielt, neigt unser Lebemann das Haupt zur
Seite; ein behaglich schläferiger Ausdruck des Auges unter dem Klemmer, eine verschwommene Weichheit aller
Formen (die Aufnahme ist nämlich schlecht entwickelt), der krause Fall des Haupthaares, wahrscheinlich durch
den napoletanischen Künstlerphotographen absichtlich etwas durcheinandergewirrt, das alles läßt einen voll-
ständig andern Menschen vor unfern Blicken erscheinen. Die Sache geht so weit, daß die meisten Beschauer,
denen ich diese Bilder zeige, nicht nur nicht erkennen, daß das alles derselbe Mensch ist, sondern ungläubig
den Kopf schütteln, wenn man sie hinterdrein aufmerksam macht, daß alles Freund T vorstelle.

Die meisten Beschauer, sage ich! Nicht alle! Mehrere, denen ich die Bilder nebeneinander vor-
legte, sind ihrerseits keinen Augenblick im Zweifel, daß sie es in allen Fällen mit derselben Person zu
thun haben.

Das ist merkwürdig, aber nicht zu merkwürdig, daß nicht jeder unsrer Leser Gleiches aus seiner Lebens-
erfahrung zu berichten wüßte. Wir sehen hier, daß der gleiche Gegenstand eines Bildnisses nicht nur ver-
schieden erscheint durch äußerliche Veränderungen des Antlitzes selbst, durch wechselnde Beleuchtung, durch die
Mnskelstimmung des Gesichtes, welche aus der Beleuchtung hervorgebracht wird, sondern daß, einmal all das
angenommen, auch die Beschauer als solche unter verschiedenen Bedingungen sehen, so daß der Eine eine durch-
gehende Ähnlichkeit, ja Einheit der Person sofort erkennt, wo der Andre auf vollständig verschiedene
Menschen rät.

Kein Bildnismaler, der verwandte Thatsachen nicht hundertfältig erfahren hätte, kein Photograph, der
nicht ein Liedchen davon zu singen wüßte.

Ich erlebte einst ein besonders starkes Beispiel der Sache, als ich mehrere Wochen lang ein Männer-
bildnis durch einen befreundeten Künstler hatte malen sehen. Der Künstler selbst und ich, der ich das Bildnis
Strich für Strich entstehen sah, wir waren fest überzeugt von der Ähnlichkeit und Treffrichtigkeit des Bildes;
aber alle Laien, die kamen, um das Bild zu betrachten, fanden, daß es immer unähnlicher werde. Bei der
ersten Untermalung waren die meisten von der Ähnlichkeit überrascht; je mehr die Ausführung fortschritt, desto
weniger wollten die Besucher das Bildnis ähnlich finden. Der Maler, ich selbst als unbeteiligter Zuschauer,
der jeden Ton im Bilde mit der natürlichen Erscheinung des wirklichen Urbildes verglich, schwor auf die Ähn-
lichkeit; ein oder zwei andre Maler, von verwandter Richtung in der Malerei, fanden das Bild gleichfalls
höchst ähnlich. Aber die bösen LaienI Diese Leute waren nicht zu bekehren. Der Künstler ward wütig und
aufsässig, vermaß sich hoch und teuer, daß er ganz genau gemalt habe, was er in der Natur sähe, daß er
mathematisch beweisen könne, wie das Bild vollständig ähnlich sei! Und wenn ein Laie die Nase zu lang
fand, so ging er hin und maß das Verhältnis von Stirn und Nase in der Natur nach; es stimmte, es war
richtig, gar kein Zweifel! Aber die Besucher waren doch nicht überzeugt und das Ende vom Liede war, daß
der Künstler das Bild stehen ließ und sich feierlich verschwor, überhaupt keine Bildnisse mehr zu schaffen, denn
die Laien verstünden doch nichts von der Porträtmalerei.

Das Merkwürdige an der Sache aber war, daß auch ich das Bild für sehr ähnlich hielt, denn ich
hatte fortwährend das Urbild und das Abbild verglichen. Erst als ich nach langer Zeit das Ding mir in der
Werkstatt des Meisters wieder einmal ansah und es aus der Ecke vorholte, wollte es mir auf einmal auch
nicht mehr so recht ähnlich scheinen. Ich hatte eine andre Erinnerung an den betreffenden Herrn. Merkwürdig!
So lange ich den Letzteren wirklich neben dem Bilde sah und seine Wirklichkeit mit dem Bilde verglich, so
lange fand ich es ähnlich; als ich aber die Allgemeinerinnerung an den Mann nur hatte, fand ich, daß das
Bild und diese Erinnerung nicht zusammen stimmten. — Und da ist gewissermaßen schon die Grundfrage für
den Bildnismaler gegeben! Was soll er malen? Soll er malen, was er sieht, oder soll er vielmehr jenes
Erinnerungsbild festhalten, das zumeist die Laien von Personen im Gedächtnis tragen, nach dem sie urteilen,
ohne sich viel an ein eigentliches Vergleichen der Einzelheiten der Naturerscheinung zu kehren? Bestünde hierin
vielleicht das sogenannte „Treffen", unter Umständen auch das „Idealisieren", jene Kunst das Wesentliche
einer Erscheinung zu geben?!

Was ist dieses Wesentliche?! Wenn es wirklich als das Erinnerungsbild zu bezeichnen ist, wonach
bestimmt sich dieses Erinnerungsbild?

Wir wollen unsre Betrachtung anders wenden. Wir wollen einige Beobachtungen, die wir an jenen
Aufnahmen machen, auseinanderlegen, um vielleicht so zum Wesentlichen der Bildnisähnlichkeit zu gelangen.

Die Lichtaufnahme sollte man meinen müsse vollständig ähnlich sein, da sie ja in der That nur eine
Wiederholung der Lichterscheinung der Wirklichkeit ist. Und doch sind gemeinhin Lichtaufnahmen — auch die
besten — viel unähnlicher, als selbst die mittelmäßigsten Bildnisse von Malerhand, ein Umstand, der allein
schon dafür sprechen sollte, daß ernstlich die Bildnismalerei durch die Lichtanfnahme niemals verdrängt werden
kann. Wer ernstlich sich vor die Dunkelkammer stellt, um dadurch Ersatz eines gemalten Bildnisses zu ge-
winnen, beweist nur schlechten Geschmack und lebt in einer Täuschung.
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