Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Über die Kunst in England, von kierman 6 elf er ich

Ntkrnkak aus König Georg in. (1786). von Rob. Smirke

übrigen ein schlechtes Naturstudium aufweisen, als sehr be-
zeichnend für die Deutschen der romantischen Jahre ansehcn,
wird in Schirmer die Bestätigung für das finden, was er
aus der Lektüre hat und ihn für den bemerkenswertesten,
treuesten deutschen Maler halten und in Hasenclever, sehr
mit Unrecht, einen Genrekünstler ersten Ranges sehen, weil
Hasenclcver ihm jene Deutschen zeigt, die er aus Heine
und andern als Sauerkrautesser begriffen zu haben glaubt.
Wir wissen genau, daß dem nicht so ist, und doch, kommen
wir nach England, sind wir froh, wenn wir Bilder
finden, die Dickens zu bestätigen scheinen und Thackeray
ergänzen. Es ist möglich, daß wir mit diesen Bildern
zugleich auch die besten der englischen Genrebilder ge-
troffen haben, aber es ist keineswegs sicher; daß wir
uns nach dem bekannten Rezept: „Väter haben kahle
Köpfe" zu Verallgemeinerungen und groben Jrrtümern
unwillkürlich bringen lassen, ist eine Gefahr, der wir ins
Äuge sehen müssen. Große Kunst und Landschaften
können wir absolut beurteilen, Porträts schon weniger,
Genrebilder noch weniger: sie erklären ihre besten Eigen-
schaften, ob sie treu sind, nur aus der Nation heraus,
und diese ganz zu erkennen ist dem Fremden unmöglich.

So erinnere ich mich, wie ich am Tage des Re-
gierungsjubiläums der Königin Viktoria, als es in London
ganz fürchterlich war, entsetzliche rote Tücher von allen
Häusern herabhingen, und Menschen schrieen, die gequetscht
wurden, alle Omnibusse, alle Cabs, alle Möglichkeiten
des Vorwärtskommens gehemmt waren, ich mich mit thun-
lichster Schleunigkeit nach einem Bahnhof verfügte und

aufs Land fuhr. Hier war es herrlich, die Themse stoß
silberig zwischen grünen Wiesen dahin, die Junisonne
glitzerte auf den murmelnden Wellen, zwischen den Weiden
des Ufers durch sah man in die weite Ferne und das
zarteste Blau eines englischen Sonnenhimmels spannte sich
über dem Aufatmenden aus. Im Laufe des Tages wurden
Ortschaften durchzogen, viele freundliche Niederlassungen,
hell, gepflegt, komfortabel; Landsitze, Schlösser lagen
in stiller Ruhe und sonnten sich, der Nachmittag legte
sich allmählich schwerer auf die glänzende Helligkeit und
dann erhob sich ein Treiben und fernes Geräusch aller
Orten, geschäftige Menschengruppen sah man hinten am
Horizont auf den abschließenden Hügeln sich bewegen,
und Freudenfeuer wurden angesteckt und flammten vor
dem dunkler gewordenen Himmel auf. Eine rege Heiterkeit
erfüllte die Luft, die gehobenste Stimmung schien von der
Bevölkerung auf die Landschaft, von der Landschaft auf
die Bevölkerung überzugehen und ein innerer Jubel, viel
schöner als der lärmende in der Metropolis, befreite sich
aus allen Seelen. Um die Freudenfeuer tanzte man,
sang man, die Alten saßen auf den Staketten und die
Jugend tummelte sich in gelassener Ungebundcnheit. Zu
mir gesellte sich ein Landpfarrer in kräftigem Älter und
wir gingen durch die Volksreihen, gelangten allmählich
auf die Wege eines Parkes, hinter einem Eisengitter ab-
geschlossen, ich mußte ihm von dem Tage in London
erzählen, er sprach mir davon, daß er auch etwas deutsch
verstände und einmal in Deutschland gewesen sei; wir
sprachen von Heidelberg, der Stadt und dem Schlosse,
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