Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Über die Kunst in England. Don Lsermaii lselferich

Maclise hat Bedeutenderes in der Illustrierung
Shakespeares geleistet. Man kommt ja in dem Verlangen
nach England, auch über Shakespeare sich besser zu unter-
richten. Englische Maler haben es mit Recht als ihren
Beruf angesehen, ihn uns zu deuten; wer sollte es besser
als sie verstehen, uns seine Typen zu verlebendigen.
Es gewährt ein großes Vergnügen (wobei ich von

der König ein grimassierender Kartcnkönig, Polonius jedoch
außerordentlich richtig. Die Szene auf der Bühne mit dem
schlafenden Regenten, dem Vermummten, der, die Krone in
der Hand, mit der andern das Gift träufelt, — und der riesen-
hafte Schatten, den diese Handlung auf die Wand des Saales
hinüberwirft, ist das Werk eines vortrefflichen Regisseurs;
und die Geharnischten auf den Seiten in der Bühnen-
beleuchtung, die ihre Gesichter
von unterwärts erhellt, gleichen
Bronzebildern und geben eine
metallene und granitne Um-
rahmung, die das barbarische
Zeitalter auf das anschaulichste
bezeichnet. Das alles ist vor-
züglich erdacht, gedacht und
ersonnen. Es ist recht schlecht
gemalt; aber Maclise erhielt
seine Ausbildung in London
von 1825—29.

Nicht minder zu detail-
liertem Genuß einladend ist
sein Malvolio mit den kreuz-
weis gebundenen Kniebändern
vor der Gräfin. Man wird
den Malvolio nie mehr anders
wünschen; er ist gravitätisch,
Olivia wundert sich, das
Kammerkätzchen freut sich, hin-
ten ist ein grüner Laubgang
und ein blauer Lustspielhimmel
schaut lachend nieder. Bei uns
wird Malvolio — ich lernte
das von diesem seinem Bilde —
zu international dargestellt; er
ist Spielopernfigur geworden,
halb Basilio, halb Bartolo; er
ist aber und bleibt Engländer,
englischer Haushofmeister. Zur
Gräfin, als sie ihn fragt:
»bmv nov, Klslvolio?« —
lacht er mit seinem breitesten
Lachen ein rsveet lull/, llo,
llo!« mit jenem schmetternden
Lachen der englischen Diener,
die sich bei ihrer Herrschaft gut
aufgehoben fühlen. Shakespeare
hat in diesen paar Tönen das
ganze Behagen einer englischen
Dienerseele zum Ausdruck ge-
bracht, und Maclise hat das
aufgefangen.

Ich habe noch diejenigen
Maler nicht gestreift, die das
bewegte Leben und die Straße
zum Gegenstand ihrer Bilder machen, sie sind in ihrer
Tendenz so sehr „Spiegel und Chronik des Zeitalters", daß
sie nicht zcitechter gedacht werden können, aber so besonders
stark mit Asphalt und den schlechtesten Traditionen der Fär-
bung und Beleuchtung versehen, daß es, wie ich glaube, nicht
sehr ergötzend ist, das Zeitalter in ihrem Glase wieder-
zufindcn. Sie nullen mit einem Behagen, das nicht selten
etwas wortreich wird, Straßen aus Alt-London mit kuriosen
Passanten: Wettrcnnszcnen mit dem Apparat des großen

Vorick und die HsndschuhvLrkäuferin. von L. S. Newton

(Zu Sterne, Empfindsame Reise s. S. ^8()

aller bildenden Kunst abzusehcn bitte), Bilder wie
Maclises Schauspielszenc aus dem Hamlet zu betrachten.

Horatio ist prachtvoll, Ophelia schwach geraten, doch
Hanilet selbst, wie er auf den Boden hingelagcrt ist
und den König fixiert, ganz unübertreffbar zum Aus-
druck gekommen. Es ist Hamlet. Andre gemalte (und
häufig besser gemalte), andre dargestellte (und häufig
besser spielende) werden aus der Erinnerung, durch dieses
bessere Porträt, gebannt. Die Königin ist mittelmäßig,
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