Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Ferdinand Keller


Glas, Gold und Silber oder Seide und Samt dieselbe Art der heiter sinnlichen und üppigen, anmutig
humoristischen Formenbildung zeigten, wie sie dem so glücklich begabten alemannisch-fränkischen Stamm durchaus
entspricht, der sich da im Garten Deutschlands seit zwei Jahrtausenden niedergelassen? Man glaubte vor diesen
köstlichen Tafelaufsätzen, reichgeschnitzten Möbeln und harmonisch prächtigen Stickereien immer ein Scheffelsches
Gedicht in Stein oder Silber, Samt oder Glas übersetzt zu sehen, man fühlte, es war dasselbe fröhliche,
allem Schweren und Rohen abgeneigte, dem Schönen und Zierlichen leidenschaftlich zugewandte Blut, welches
da wie dort pulsierte! In der That sind es drei Männer, welche ebenso stamm- als geistesverwandt diese
merkwürdige Umwandlung in dem noch vor 30 Jahren recht nüchternen badischen Kunst- und gewerblichen
Schaffen hervorgebracht haben: der Baumeister Durm, der Knnstgewerbeschuldirektor Götz und der Historien-
maler Professor Ferdinand Keller. Mit dem letzteren, als dem heutigen Haupt der Karlsruher Malerschule,
haben wir uns hier zu beschäftigen.

Ist es in der phantasievollen Stammesart wie in der Fruchtbarkeit der dortigen Natur überhaupt
begründet, daß Baden immer auffallend reich an künstlerischen Talenten war und sich an Erwin von Steinbach
bis auf unfern Durm eine lange Reihe glänzender Namen schließt, ich nenne hier nur Weinbrenner, Hübsch,
Eisenlohr als seine unmittelbaren Vorgänger, so war es doch besonders reich an bedeutenden Malern, von
denen man bloß Rottmann, Fries, Marie Ellenrieder, Winterhalter, Feuerbach aus neuester Zeit zu erwähnen
braucht. Sie mußten sich meistens im Auslande ihren Weg suchen, da ihnen das eigene Vaterland noch zu
wenig zu bieten hatte. Erst die Errichtung der Kunst- und Kunstgewerbeschule durch den gegenwärtigen Groß-
herzog und der großartige Aufschwung Badens unter seiner segensreichen Regierung machten es möglich, drei
so bedeutende Künstler wie die oben Genannten im Lande zu behalten und damit die Entwickelung eines reichen
Kunstlebens, ja einer eigentlichen Schule hervorzubringen, was früher durch Berufung Fremder, besonders
Norddeutscher, nie gelingen wollte, da sie, wie verdienstvoll auch immer, sich doch der Landesart nie recht
anzupaffen vermochten.

Daß ihre Begabung so sehr der des Stammes entsprach, um sofort der schönste Ausdruck derselben zu
werden, das hat unsren Trinmviren alsbald die Herzen ihrer Landsleute und selbst ihre Beutel geöffnet. Alle
Drei waren sie vorzugsweise idealisierende Künstler. Was aber beim Architekten und Dekorateur als selbst-
verständlich gilt, findet beim Maler viel mehr Widerspruch. Unter diesen Dreien ist es daher gerade Keller als
dem eigenartigsten auch am schwersten geworden, sowohl beim Publikum durchzudringen als sich seinen eigenen
Stil auszubilden, wie wir gleich sehen werden.

In Karlsruhe am 5. August 1814 als der Sohn eines Ingenieurs, des Oberbaurates Keller, geboren,
hatte er von Jugend an nur künstlerische Eindrücke. Die hervorragende Begabung des Knaben offenbarte sich
denn auch sehr frühe als ihn ganz besonders auszeichnendes technisches Geschick. In den behaglichen Verhältnissen des
Elternhauses konnte er sich umso ungehemmter entfalten, als die blühendste Gesundheit des Leibes wie der
Seele ihn dabei noch mächtig förderte. Sobald er darum auf dem Gymnasium erst methodischen Zeichen-
unterricht erhielt, ließ er bald alle Mitschüler weit hinter sich durch die Kraft und Originalität seiner Zeich-
nungen, aber auch durch die Eigenart seines nur aufs Bilden des Schönen hingewandten Charakters. Den
ersten Unterricht im Ölmalen erhielt er von seinem Vater, der auch schon ein technisch begabter Kolorist war.
Zu des Sohnes größten Glück folgte derselbe einem ehrenvolle Rufe nach Brasilien als Eisenbahn-Ingenieur
und nahm den 14jährigen Knaben mit, dem es so erspart war, die lernfähigsten Jahre mit der lateinischen
Grammatik verderben und dabei wie so viele andre seine Sinne abstumpfen zu müssen. Im Gegenteil
stürmten jetzt fünf Jahre lang ani Amazonenstrom, wo er sich vorzugsweise aufhielt, die herrlichsten Eindrücke
einer ebenso großartigen als vollkommen unentweihten Natur auf ihn ein. Er hat da natürlich unaufhörlich
gelandschastert, auch mit seinem ebenfalls künstlerisch reich begabten Bruder ein glänzend illustriertes Werk „Am
Amazonenstrom" später darüber publiziert. — Als er im Jahre 1862 endlich nach Karlsruhe zurückkehrte,
brachte er ein reiches Material von Bildern und Studien mit, die bei ihrer Ausstellung schon damals großes
Aussehen machten. Er ward nun Schüler Schirmers, welcher der inzwischen errichteten Kunstschule als Leiter
Vorstand, und malte statt des brasilianischen Urwaldes die herrlichen Eichengruppen, an denen die nächste Um-
gebung Karlsruhes so reich ist. Auch als Gude Nachfolger Schirmers ward, blieb er noch immer der Landschaft
treu, und erst als Canon ans seiner Irrfahrt durch Deutschland sich ein paar Jahre in Karlsruhe festsetzte,
ward er dessen Schüler und ging unter seiner Leitung 1864—67 zur Historienmalerei über. Sein glänzendes
malerisches Talent offenbarte sich da zuerst in einem „Tod Philipp II.", mit dem er 1867 auf der Pariser
Weltausstellung bereits Aufsehen machte, zugleich mit A. v. Werner, der als Erstling einen mit dem Prinzen
von Baden das Todesurteil vernehmenden Konradin brachte. — Man konnte den Charakter beider großer
Künstler, wie er sich seither als Hauptvertreter des Gegensatzes süddeutscher und norddeutscher Art festgestellt hat,
nicht schärfer ausgesprochen finden, als in diesen beiden Erstlingswerken geschah. Das eine war von so frappanter
malerischer Erscheinung, daß es den Blick sofort fesselte, ehe man nur wußte, was es darstellte, ja daß man
sich kaum darum kümmerte; das andre, unscheinbar, hart und trocken, war aber vortrefflich charakterisiert und
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