Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von L. von vincenti

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Rudolf (zu Pferde) von Thad. Ajdukiewicz wird vornehmlich durch den Umstand, daß es zwei Tage vor
dein Tode vollendet wurde, Interesse erregen. Das Selbstporträt ist besonders unter jungen Malern beliebt;
ein genrehaftes Massenbildnis nach französischem Muster ist Seligmann nicht übel gelungen.

Unter den Genremalern finden wir diesmal auch den Düsseldorfer Christusmaler v. Gebhardt, Holbein-
Genre, aber stark eines Kommentars bedürftig. Die vielen Liebhaber der vorjährigen „Ninetta" erfreut Eugen
v. Blaas Heuer mit einer „Lisa", selbstverständlich schon im Privatbesitz, denn so appetitliche Bissen bestellen
sich gerne ältliche Bilder- und andre Gourmands; Ninetta hatte rote, Lisa hat blaue Strümpfe, der Waden drinnen
ist jedoch derselbe. Unter den Münchener Genrebildern haben wir einen prächtigen Wilhelm Diez und eine
ganz vortreffliche Nummer von Echtler bemerkt; das Bild atmet Leben; man liest aus dem frischen lachenden
Gesicht der „Vorleserin" (siehe S. 238), wie
lustig das sein muß, was sie der Alten ans
den „Neuesten" vorliest. Wehmütig dagegen
berührt Jaumanns „Krankes Mägdelein"

(siehe S. 23l), in die Polster des Lehnstuhls
zurückgesunken, die eine Hand auf den Tasten
des Klaviers liegend, auf dem sie eben ein
„Abendlied" gespielt. Armes Kind! Ist auch
schon Abend bei dir! So früh!! Hugo
Kauffmanns „Hartbedrängte Dirne" (siehe
nebenstehend) beim Kartoffelschälen in der Küche,
ein Jäger links und ein Holzknecht rechts, ist
voll Humor, ein Kabinetstück der Münchener
Feinmalerei. Ein guter künstlerischer Einfall
kommt auch auf Skutezkys „Die Maus"

(siehe S. 228) zu frischer Geltung: ein junges
Mädchen hat ans einer Truhe einen Shawl
ausgekramt, der zum Entsetzen zweier alter
Weiber, denen sie die Verwertung zeigt, ganz
von einer Maus zerfressen ist. Aber warte
nur! Die Verbrecherin ist bereits in der Falle
und die Hauskatze kommt als Rächerin an-
geschlichen. Noble Stimmung atmet Otto
Friedrichs „Tischgebet" (siehe S. 229) und
ein dritter Wiener, der elegante C. Probst
hat in seinem „Versprechen vor dem Herd"

(siehe S. 233) ein Bild geliefert, das an
Vinea gemahnt. Stark gestimmt ist P. Ra-
vensteins „Oberitalienisches Begräbnisbild"

(siehe diese Seite) mit dem durch die enge
Terrassengasse wallenden Totenzuge, dem blut-
roten Mönch voran, im Hintergrund sonnige
Berge. Düsseldorf ist wieder durch Brütt
und Bockelmann vertreten. Unter den
Italienern wird Chierici mit seinem, wenn auch stupend gemalten Kinder-, Katzen- und Hühnerhumor nach-
gerade etwas ermüdend. Die ältere Wiener Schule ist vornehmlich durch ein mit jugendlicher Frische gemaltes
Invalidenmotiv von Friedländer und durch Marktbilder von Schönn und Julius v. Blaas vertreten,
die jüngere wird uns im Spezialartikel zu beschäftigen haben. Polnisches Kriegsgenre nach bekanntem flotten
Rezept bietet der Krakauer Kossak.

Auf dem Gebiete der Landschaft wird sich Anlaß zu mancher kritischen Bemerkung bieten; sie stellt sich als
eine Glanzseite der Ausstellung, insbesondere „von der Wasserseite" dar, denn die Marine dominiert und ist diesmal
auch von bisher als Landratten berühmt gewordenen Landschaftern zum Vorwurf genommen worden. Man
darf unter den fremden Landschaftern nächst den Achenbachs, Knüpfer, Wenglein, Oeder, Bracht, Kameke,
P. P. Müller, unter den Wienern Ruß, Schindler, Darnaut, Schaefser in erster Reihe nennen; für die
orientalische Landschaft hat Meckel das beste Auge; die Freilichtbilder von Olde und Herrmann sind sehr fein
empfunden. Kochanowski „Motiv aus Polen" (siehe S. 232) ist koloristisch eines der feinsten Bilder der
Ausstellung. Um das Tierbild machen sich bewährte Künstler, worunter insbesondere der ungarische Schaf-
maler Pallik und die treffliche Hundemalerin Zach, verdient. Ganz vortreffliches bieten die Wasser- und

Begräbnis in Vberitalirn. von P. von Ravenstein

wiener )ahresausstellung 1889
Photographieverlag der Photographischen Union in München

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