Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von H. E. v. Berlepscb

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Umstand entgegen, der schein-
bar im größten Widerspruche
dazu steht. Es ist dies bei
den figuralen Darstellungen
die fast durchgängige Leblosig-
keit oder sagen wir Mono-
tonie der Gesichtszüge, die
nur in seltenen Fällen irgend
einen seelischen Zustand ver-
raten. Es ist dies lediglich
auf das Prinzip der japani-
schen Erziehung znrückzuführen,
in allen Lagen des Lebens
einen möglichst großen Gleich-
mut zur Schau zu tragen,
möge es auch inwendig sieden
oder eisig kalt sein. Die voll-
ständige Herrschaft über jede
äußere Kundgebung innerer
Empfindungen wird als das
höchste betrachtet, was männ-
licher Wille erzielen kann.

Kein Wunder also, daß dies
Prinzip sich in die Kunst
übertrug, aber wunderbar ist
es doch, wie anderseits ein
Volk, dem starrer Gleichmut
als die höchste Tugend erscheint, alle Weichheiten einer
stimmungsvollen Natur erfaßt und schön darstellt. Als
Eigentümlichkeit der japanischen Malerei, die bis etwa um
die Mitte des 18. Jahrhunderts festgehalten wurde, möge
die Bemerkung hier angeknüpft werden, daß bis zu genanntem
Zeitpunkte die Kunst (ursprünglich fast nur von Mönchen
ausgeübt) in den Händen des Adels und Halbadets lag.
Dabei ist es für die verschiedenen Schulen außerordent-
lich charakteristisch, daß der Begriff für Familie, Schule,
Stil im gleichen Worte zusammengefaßt wird (riu) und
daß man, fand sich unter den leiblich Angehörigen einer
Malerfamilie kein genügend talentvolles Mitglied, keinen
Augenblick anstand, die > Lücke durch Adoption einer ge-
eigneten Kraft auszufüllen.

Und wie steht es denn heute mit der Malerei in
Japan, höre ich fragen? Gott bewahre sie in erster
Linie vor dem Verlassen der ihr eigentümlichen Bahnen,
vor dem Annehmen fremden Wesens, das ihrer ganzen
Anschauungsweise, ihrer Entwickelung ebenso fern liegt
als es in Europa vernünftigen (von den andern rede ich
nicht) Menschen fern liegen muß, sich zwar nicht die
Anschauungsweise des künstlerisch hochentwickelten Ostens
zu eigen zu machen, wohl aber seine Ausdrucksweise, die
in ihrer Art durch Zeit und Umstände ebensolche Be-
dingungen lokaler Natur in sich schließt, wie es anderswo
der Fall ist. Bewohner äquatorialer Zonen werden ihre
Force nicht in der Darstellung von Eisbären und Wall-
fischen suchen, ebenso wie es keinem vernünftigen Eskimo
einfallen kann, eine Palmen- oder Orchideenornamentik
zu erfinden. Japan hat noch in neuerer Zeit bedeutende
Künstler nationaler Richtung aufzuweisen; ich will nur
einen Namen nennen: Hokousai (geb. 1760 zu Honjo,

daff solche koloristische Verwendung des Metalls einfach unüber-
troffen dastehe und unsre sämtlichen Verfahren zusaminen-
genommen an Mannigfaltigkeit mit den japanischen keinen Ver-
gleich eingeh en könnten.

einem Teil von Jeddo). Er ist unbestrittenermaßen einer
der bedeutendsten Künstler seiner Nation, nach unfern
Begriffen vielleicht der genialste überhaupt. Vergleicht
man die Erscheinungen seiner Art darzustellen mit Arbeiten
unsrer europäischen Knust, so wird man nicht anstehen
ihn an die Seite der besten zu stellen. Die Kraft und
Festigkeit seiner Pinselführung sind unübertroffen; er ist
ebenso originell wie humoristisch; elegant und schneidig
zugleich in der Erfindung verband er damit eine ungemeine
Arbeits- und Produktionskraft eben so sehr wie eine Aus-
bildung des Auges und der Hand, die frappierend wirken.
Und dabei welche Vielseitigkeit! Die von ihm dargestellten
Dinge begreifen das ganze Leben und Treiben eines
Volkes in sich, er ist ebensosehr Tragiker wie Komiker
in seiner Kunst. Sein Name war es zuerst, der übers
Meer auch nach Europa kam und mit Recht in die
Annalen der Kunstgeschichte eiugezeichnet zu werden ver-
dient. Und daß ein Genie in seinem eigenen Lande gar
oft verkannt wird, dafür war er ein schlagender Beweis,
denn er starb arm, von den oberen zehntausend seiner
Landsleute kaum gekannt, die überhaupt seine Bedeutung
erst dann einzusehen begannen, als es ihnen auffallen
mußte, wie sehr Hokonsais Werke von den Europäern
geschätzt und gesucht wurden. Anderseits aber zollte ihm
das Volk großartigen Beifall und wenn man weiß von
welchem Einflüsse seine Anschauungsweise, sowie seine
Arbeiten auf gewisse kunstgewerbliche Branchen war, so
ist es vielleicht nicht zu weit gegriffen, wenn Gonse in
dieser Beziehung behauptet, Hokousai bedeute nichts mehr
und nichts weniger als den letzten großen Standpunkt der
japanisch nationalen Kunst ohne Bemerkbarkeit äußerer
Einflüsse. Nicht die „große Kunst" war es, welcher er
sein Leben gewidmet hatte, sondern die Schilderung des
alltäglichen Lebens mit seinem tausend Vorkommnissen.
Und darin leistete er so Großes und Schönes, daß man,
ohne zu weit zu gehen in der Schätzung seiner Arbeiten,

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