Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 355
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von Friedrich pecht

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anderm köstlich geschildert ist. Brütt greift immer frisch ins heutige Leben hinein und fährt auch gut dabei,
besonders weil er das Helldunkel meisterlich beherrscht und dadurch alle Klippen des modernen Kostüms glück-
lich zu umschiffen weiß. Gerade deshalb ist die das Helldunkel verläugnende Freilichtmalerei nicht nur kein
Fortschritt, sondern weit eher das Gegenteil. Beider Künstler Werke wird dereinst jeder studieren müssen, der
das soziale Leben Deutschlands in unsrer Zeit wird genauer kennen lernen wollen. Zu den glänzendsten aller
vorhandenen Idyllen gehört, was die Bilderscheinung betrifft, Ad. Echtlers allerliebst frische „Vorleserin" (Abb.
s. S. 239), die ihrer alten Mutter die „Münchener Neuesten" vorliest. Nur ist der spezifisch bayrische Frauentypus
weder in der Tochter noch in der Mutter

so ganz schlagend getroffen, was doch
bei einer Szene, die in Miesbach oder
Starnberg spielt, dringend notwendig wäre.

Daß er das nicht vermag und uns in
seinen Mädchen so ganz echte Schwaben-
kinder giebt, das begründet unsre Hoff-
nung, daß der Schwabe Theodor Schmidt
einst für seine Landsleute dasselbe werden
könnte was Defregger für die Tiroler ge-
worden ist. Da ist daun aber nichts
schädlicher als ein Kosmopolitismus, der
von Petersburg ausgehend über Paris und
Rom endlich auch nach München führt.

Selbst ein Knaus hat es jahrelang büßen
müssen, daß er sich darauf kaprizierte, in
Paris deutsche Bauern malen zu wollen. —

Wenn wir nun auch auf dieser Ausstellung
den Bürger- und Bauernstand unvergleich-
lich häufiger und in der Regel auch besser
geschildert sehen als die höheren Gesell-
schaftsklassen, so hat das seine guten
Gründe nicht nur darin, daß die Künstler
diese Stände, aus denen sie selber meistens
hervorgehen, besser kennen, sondern vor
allem auch darum, weil man nur hier
noch naive Existenzen findet, Menschen,
die noch nicht von der Pariser Mode in
ihr erdrückendes Einerlei gepreßt worden.

In den gebildeten Klassen sind ja nur die
Kinder noch naiv und selbst diese nicht
immer. Weil aber München und Süd-
deutschland überhaupt noch ein gesundes
Volksleben haben, das sich auch in der
Tracht noch ausprägt, so finden sich die
Maler da so viel wohler, während in
Großstädten wie Berlin oder gar Paris
naive Existenzen ganz unmöglich sind und
man darum dort wohl Pöbel findet, aber
kein eigentliches Volk. Holland hat nur
darum so großen Reiz für die Maler, weil in seiner fast insularen Abgeschiedenheit sich das Volksleben
selbst in Amsterdam weit reiner und urwüchsiger erhalten hat als sonst irgendwo, wie es denn z. B.
in der Schweiz, höchstens Bern ausgenommen, fast ganz verschwunden ist, und in Italien sich in die ent-
legensten Thäler zurückgezogen hat. -— Ist also das Sittenbild die weitaus gesundeste unsrer Kunstrichtungen,
so zeigt sich das auch in der Menge der jungen Talente, so daß es gar nicht möglich wäre, sie alle an-
zuführen; ich kann daher auch die Bilder von Pötzelberger, Bantzer, Eberle, Gräfin Kalkreuth, Fr.
Fehr, Th. Grätz, Horstig, E. Rau, Graf Rex, Rickelt, Stuchlick, und vieler andrer nur eben er-
wähnen, und muß mich darauf beschränken, nur noch einiger verspäteter Ankömmlinge zu gedenken, durch die
schmerzliche Lücken ausgefüllt wurden. So kam noch ein allerliebstes, eine häusliche Szene darstellendes
Bildchen von Anton Seitz, dessen Harmlosigkeit und Sauberkeit besonders darum so anspricht, weil sie

Einr Frage, von Hugo Havenith

Erste Münchener )ahres-Ausstellung 1689
photograxhieoerlag der Photographischen Union in München
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