Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Farbige Bildnerei. von Paul Schumann

einfarbige Zeichnung, der Kupferstich, der Holzschnitt, die
Photographie, dem farbigen Bildwerke steht das farblose,
unbemalte gegenüber. Ebensowenig wie das Ölgemälde
die Zeichnung ausschliestt, verbietet oder verhindert das
farblose Bildwerk das Dasein des bemalten. Wir könnten
hier das Zugeständnis machen, daß in der Malerei, oder
besser gesagt in der Knnstdarstellnng ans der Fläche
das farbige Bild, in der körperlichen Darstellung das
farblose Bildwerk näher liege. Jndcß liegt zu einem
solchen Zugeständnisse nach den obigen Darlegungen doch
kein zwingender Grund vor. Der Sah, die Plastik habe
cs vor allem mit der Form zu thun, erscheint willkürlich,
da Form ohne Farbe in der Natur nicht vorkommt, die
Natur aber nach übereinstimmendem Urteil die ewige
Grundlage aller Kunst ist und sein muß. Nichts aber
hindert natürlich den Künstler, auf einzelne der ihm zu
Gebote stehenden Mittel zu verzichten und mit einzelnen
einen besonderen künstlerischen Eindruck hcrvorbringen zu
wollen. Die Plastik hat jahrhundertelang sich der Farbe
bedient, sie hat jahrhundertelang — im allgemeinen —
auf die Farbe verzichtet. Auf beiden Gebieten und in
beiden Perioden sind großartige Meisterwerke hcrvor-
gebracht worden.

Kommt in der Natur nirgends Form ohne Farbe
vor, so gibt cs doch Wesen oder Gegenstände, an denen
uns vor allem oder allein die Form fesselt, es gibt andre,
bei denen die Farbe einen wesentlichen Bestandteil der
Schönheit bildet, die uns also ohne Farbe mangelhaft,
weniger reizvoll erscheinen würden. Bei der Darstellung
der erstcren wird die farblose Fvrmcnplastik unzweifelhaft
die höchsten Kunstwerke schaffen, bei letzteren ebenso un-
zweifelhaft die Bildnerei im Verein mit der Farbe.
(Von der Malerei allein ist hier natürlich abgesehen.)
Zwischen diesen äußersten Punkten liegen zahlreiche Mittel-
stufen, auf denen je nach der Auffassung sowohl die farb-
lose als auch die farbige Bildnerei am Platze ist. Die
Wirkung wird natürlich in jedem Falle anders sein.

Es ergibt sich aus dem Gesagten, daß nicht jedes
beliebige Bildwerk sich zur Bemalung eignet. Daß man
diesen Grundsatz übersah, war ein Hauptgrund, warum
auf der ersten Ausstellung farbiger Bildwerke in der
Berliner Nationgalerie so mancherlei paradierte, was dem
gerechtesten Spotte verfiel. Ich erinnere nur an Hähnels
Raffael. Aus diesen mißglückten Versuchen darf man
indes keinen Grund herleiten, die farbige Bildnerei zu
verwerfen. Es darf hierbei auch nicht unbeachtet bleiben,
daß die Gewohnheit in der Kunstanschauung eine ebenso
große Rolle spielt, wie in allen anderen Lebensanschau-
ungen. Wird der Gewohnheit ins Gesicht geschlagen, so
regt sich sofort der Widerspruchsgeist; dabei kommt cs
oft vor, daß einem das, was man anfänglich verworfen
hat, schließlich ganz erträglich vorkommt. Es ist über-
flüssig, hierfür Beispiele anzuführen. Wir werden uns
daher kaum wundern, daß die ersten Versuche in farbiger
Plastik zum Teil eine Zurückweisung erfuhren, die in
ihrer Maßlosigkeit ungerechtfertigt erschien.

Einige weitere Gesichtspunkte in der vorliegenden
Frage dürften uns bekannte Bildwerke liefern. Über die
großartige Büste des Niccolo Nzzano von Donatello in
dem Nationalmuseum zu Florenz fällt I. Burckhardt im
Cicerone das Urteil: „Die Renaissance hat kein
zweites Bildnis aufzuweisen, worin vollste Natur-
wahrheit mit großartigster Auffassung so glücklich vereinigt

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sind." Die Tragweite eines solchen Urteils aus der
Feder eines so feinsinnigen Kenners darf nicht unterschätzt
werden. Von den Werken des Eingangs genannten Bild-
hauers hat der neapolitanische- Pifferaro, der gegenwärtig
in der Nationalgalerie zu Berlin aufgestellt ist, allgemeinen
Beifall gesunden. Ich hatte von letzterem die Empfindung,
daß die Farbe einen wesentlichen Reiz des anmutigen
Werkes ausmache, daß er mich ohne Farbe wesentlich
weniger anziehcn würde. Nicht minder scheint mir, daß
die Farbe bei dem genannten Werke Donatcllos die
Wirkung in höchst bedeutender Wcise steigere, die kraft-
volle Charakteristik in wesentlicher Weise erhöhe. Ein
Gegner der Verbindung von Farbe mit Plastik faßte
dagegen sein Lob des Pifferaro so: „Es ist ein gutes
Werk; denn ich kann mir vorstcllen, daß es auch ohne
Farbe seine Wirkung behalten werde." Daraus würde
dann folgen, daß ein bemaltes Werk, das ohne Farbe an
Wirkung und Wert einbüßt, zu verwerfen sei. Sind die
oben entwickelten Voraussetzungen richtig, so ist diese An-
schauung falsch. Denn der malende Bildhauer kann ja
geradezu beim Modellieren Formen bilden, die er erst
durch die Farbe zu ihrer vollen Wirkung erheben will;
will er ja doch nicht allein durch die Form, sondern durch
Form und Farbe zugleich wirken. Dieser Streitpunkt
erhob sich auch angesichts einiger Büsten von Üchtritz, die
in den lichten Farben des Rokokostils bemalt waren. Der
Künstler hatte ihnen einen großen farbigen Reiz abzu-
gewinnen gewußt, während die Formen an sich zu wün-
schen übrig lassen würden. Auch diese Art der farbigen
Bildnerei ergicbt sich aus deren Wesen, wenn schon man
zugeben wird, daß Bildwerke, bei denen Form und Farbe
ans gleicher Höhe stehen, den ersten Rang einnehmen.
Auch im Kreise der Malerei giebt es Werke, die nichts
mehr besagen würden, falls man sie der Farbe entkleidete.
Es fällt indes niemandem ein, deshalb diese Gemälde für
schlecht zu erklären: die rein malerische und die mehr
zeichnende Richtung haben beide unsterbliche Meisterwerke
hervorgebracht und bestehen ebenbürtig neben einander.

Das farbige Bildwerk verlangt besondere Rücksicht
für den Ort seiner Aufstellung. Das ist kein Grund,
es gering zu achten. Man kennt die Übclstände der
großen Massenausstellungen von Gemälden. Ein Bild,
welches sich im Atelier im richtigen Lichte und in an-
gemessener farbiger Umgebung befand, wirkte vortrefflich;
in der Kunstausstellung ungünstig aufgehängt, findet es
vielleicht keine Beachtung, weil verkehrte Beleuchtung und die
umgebenden andersartigen Gemälde die ihm innewohnen-
den Reize töten. Mit Recht beklagt sich der Maler in
einem solchen Falle über die Mißgunst des Geschicks oder
den mangelnden Geschmack, das geringe Wohlwollen des
Hängeausschusses. Das farbige Bildwerk verlangt die-
selben Rücksichten wie das farbige Gemälde, ja mit noch
mehr Recht. Denn wie schon oben gesagt, ist die Plastik
ganz ausschließlich auf das Licht von außen angewiesen,
während sie gar keins in sich selbst trägt. Man wird
daher schon dem farblosen Bildwerk, damit es voll wirke,
immer das richtige oder günstigste Licht zn geben suchen,
nicht minder aber dem bemalten Bildwerk auch den an-
gemessensten farbigen Hintergrund. Die Malerbildhauer
— wie Tilgner und seine Schule — fertigen für farbige
Büsten zuerst eine Farbenskizze an, nehmen wohl auch
einen bestimmten farbigen Hintergrund von vorn herein
an. Aus diesen Verhältnissen eine nur dekorative Be-

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