Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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MAX SLEVOGT, LIEGENDER LÖWE. AUS DEN „TIERRADIERUNGEN"



KUNSTPHILOSOPHIE UND KUNST LEBEN

VON

EMIL UTITZ

Zwischen Kunstphilosophie und Kunstleben scheint
Feindschaft gesäet. Und diese Gegnerschaft hat
einen tragischen Zug. Wenn einstmals der Philosoph im
Künstler mehr oder minder den Handwerker erblickte,
den er belehren und lenken wollte, so sind doch diese
Zeiten längst verschwunden. Auch der ödeste Philister,
der heute um Kunsttheorien sich bemüht, geht gewiss
von der Voraussetzung aus, Kunst bilde ein eigenes
Kulturgebiet, und er strebe gar nicht darnach, den
Künstler zu meistern, sondern sein Werk und sein
Schaffen zu erkennen. Sicherlich liebt er auch die
Kunst, vielleicht ohne Verständnis, aber doch so gut er
es vermag. Wahrscheinlich leidet er darunter, dass sein
Lieben nicht erwidert wird, sondern Hohn und Spott
ihm entgegen lachen, oder völlige Teilnahmslosigkeit
ihn anödet. Nehmen wir an: er sei nicht frei von
gönnerhaftem Denkerhochmut und verfalle trotz aller
gegenteiligen Beteuerungen immer wieder in schul-
meisterliche Pedanterie; so wäre das noch kein hin-
reichender Grund, um Kunstphilosophie als solche zu
verdammen. Man darf sie offensichtlich nicht verant-

wortlich machen für objektive Fehler oder subjektive
Taktlosigkeiten einzelner ihrer Vertreter.

Das Tragische scheint mir ja gerade, dass es sich
um Hass handelt, der nicht auf logischen Gründen sich
aufbaut. Diese könnten vielleicht widerlegt werden.
Aber Instinkte und Triebe sind einer derartigen Kor-
rektur viel schwieriger zugänglich. Der Schaffende
hält leicht jene für minderwertig, denen Schaffenskraft
auf seinem Gebiete versagt ist. Und bemühen sie sich
nun gerade um dieses Gebiet, liegt der komische oder
lächerliche Zug nahe. Sie gleichen Jünglingen, die
glühende Liebesgedichte verfassen, aber zu scheu, zu
ungeschickt, zu unerfahren sind, ihre Liebesbereitschaft
That werden zu lassen. Das Wort vom Eunuchentum
der Ästhetik hat Künstlermund geprägt, und lachend
haben es Künstler immer wieder verbreitet. Für das
würdigste halten sie eben, Kunst zu schaffen, wenn man
sich schon mit Kunst einlässt. Alles andere ist Ersatz,
Notbehelf, geboren aus der Blässe des Nichtkönnens.
Den Kunstschriftsteller dulden sie noch als eine Art
Schildknappen oder gleichsam als literarischen Anwalt

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