Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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DIE NEUE HAMBURGER KUNSTHALLE

VON

KARL SCHEFFLER

Man sieht das Gebäude der neuen Kunsthalle
vor sich liegen, wenn man den Hamburger
Hauptbahnhof verlässt. Zuerst blickt man ver-
wundert und rindet sich nicht gleich zurecht; tritt
man aber näher, beginnt man das Gebäude nach
allen Seiten zu umkreisen, so verwandelt sich die
Verwunderung gar in Betroffenheit. Denn es sollte
dieser Museumsbau ein Musterbeispiel seiner Art
werden, und nun nimmt der erste Blick gleich eine
Reihe von Fehlern wahr.

Man steht vor einem scharfkantigen Gebäude-
block, dessen helles Steingrau, wie es scheint
absichtsvoll, von dem Ziegel-, Terrakotten- und
Sandsteinrot der unmittelbar anschliessenden alten
Kunsthalle absticht. Ursprünglich sollte der neue
Gebäudeteil wohl ein reiner Nutzbau werden; es
ist zuerst offenbar wenig an Fassadenwirkungen
gedacht worden, sondern nur daran, das Haus vor-
bildlich den Bedürfnissen einer modernen Bilder-

galerie anzupassen. Man erkennt es an den glatten,
kaum profilierten Wänden, an den vielen recht-
eckigen Laternen der Oberlichtsäle auf dem Dach,
an den bündig in der Mauer sitzenden, mehr breiten
als hohen Fenstern, und an der nüchternen, kasten-
förmigen Gestalt der ganzen Baumasse. Am meisten
springt die Absicht, einen reinen Nutzbau zu
schaffen, an der Seite der Eisenbahn in die Augen.
Dort ist keine Schauseite, und darum ist dort auf alles
verzichtet, was nicht zweckhaft ist. Um so seltsamer
mutet es an, dass in anderen Teilen des Gebäudes
dieser klare Wille verlassen worden ist, dass neben
ihm unmotiviert auch ein Wille zu repräsentativen
Wirkungen auftritt. Der Teil des Gebäudes, der
dem Bahnhof zugekehrt ist, endet in einer Apsis mit
stattlichen Säulen,die überwölbt istvon einer flachen,
sich zwischen den Laternen des Daches sehr wunder-
lich ausnehmenden Kuppel, und die gegliedert wird
durch hohe zum Eintritt einladende Fensterthüren,

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