Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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DIE BERLINER SOMMERAUSSTELLUNGEN

VON

KARL SCHEFFLER

Es giebt ihrer in diesem Jahr nicht weniger als
vier! Mit Sehnsucht denkt der Kunstfreund
an die Zeit zurück, da es im sommerlichen Berlin
nur zwei Kunstausstellungen gab, eine kleine Aus-
stellung mit guten Kunstwerken, in die man wie in
eine Galerie ging, am Kurfürstendamm, und eine
sehr umfangreiche mit ziemlich mittehnässigen
Werken, die man nur ein einziges Mal gelassen
durchwandelte, am Lehrter Bahnhof. Ist die Zahl
der Kunstwerke, ist die Jahresproduktion nun um
so grösser geworden? Giebt es so viel mehr gute
neue Kunstwerke, dass, trotz den Transportschwierig-
keiten und der Ausschaltung des sonst doch wich-
tigen Auslandes, zwei Kunstausstellungen den
Reichtum nicht mehr fassen können? Bewahre!
wir sind ärmer geworden, nicht reicher. Diese

Aus der Grossen Ausstellung am Lehrter Bahnhof konnten,
der späten Eröffnung wegen, keine Kunstwerke abgebildet
werden. Dass sie fehlen, ist also nicht Absicht.

vier Ausstellungen sehen einander verzweifelt ähn-
lich. In ihnen allen bewegte sich die Kunst eigent-
lich auf der mittleren Linie; einmal holt sie etwas
mehr nach hnks aus und ein andermal mehr nach
rechts, hier ist die Aufmachung sensationeller und
dort mehr akademisch zurückhaltend: überall aber
herrscht eigentlich derselbe Geist der Nachgiebig-
keit. Wie es scheint ist das eine notwendige Er-
scheinung, wenn sich die Kunst mit dem Sozialis-
mus berührt; wie es scheint, sind die Künstler in
der jungen Republik schon zufrieden, wenn sie
nur kräftig Ausstellungspolitik treiben können,
einerlei, ob auch genügend gute Bilder und Plastiken
zum Ausstellen vorhanden sind. Die Jahresproduktion
langt eigentlich nur für eine Ausstellung. Diese
Veranstaltung hätte anregend genug sein können.
Statt dessen sind uns nun vier Ausstellungen be-
schert worden, die mehr oder weniger lang-
weilig sind.

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