Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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FRANZ DOMSCHEIT, K.USTENLANDSCHAFT 1917

FRANZ DOMSCHEIT

VON

KARL SCHEFFLER

As ich vor einigen Jahren meinen Bericht über
die Sommerausstellung der Freien Sezession
schrieb, ergab es sich, dass ich zu guter Letzt nochmals
in die Ausstellung gehen musste,weil ich mit einigen
Bildern Domscheits, die dort hingen, nicht
fertig geworden war. Vor den Bildern traf ich,
auf einem eigens herbeigeschafften Stuhl sitzend,
ganz versunken und träumend, eine mir wohlbe-
kannte Frau. Ich fragte sie wie es komme, dass gerade
diese kleinen, unansehnlichen, den Sinnen wenig
schmeichelnden Bilder ihr Interesse weckten und
erhielt diese Antwort: „Ich kann mich vor diesen
Bildern so weit wegdenken, sie erzählen so viel,
es ist etwas so Endloses darin, es ist noch so viel
hinter allen d iesen Häusern und Tieren und Menschen
und Bergen und Wolken, so viel Sehnsucht."

Die frauliche Frau, die gar nicht an Kunst und

Kritik dachte, die sich einfach hingab ohne zu
reflektieren und ohne ehrgeizig zu werten, hat
den Punkt gut getroffen, worauf es bei Dom-
scheit ankommt. Es ist bezeichnend für seine Kunst,
dass sie so stark auf diese sehnsüchtige Frauenseele
wirkte. Man vergisst es in der That vor seinen Bildern
leicht, mit den Augen zu werten und gerät dafür
in ein stilles Sinnen und Wünschen. Dass Domscheit
die Fähigkeit hat, diese Wirkung zu erzwingen,
darin besteht sein Talent. Seine Begabung hat von
Natur den epischen Zug, er ist ein Schilderer, ein
Erzähler. Jedes Bild enthält eine romantische
Novellenstimmung. Solche Wirkung erreicht er
aber nicht, indem er Begebenheiten oder Anekdoten
mit dem Pinsel darstellt, oder indem er, in erzählen-
der Absicht, bestimmte Gegenstände nebeneinander
stellt; er entledigt sich vielmehr malend seiner

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