Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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PIERRE BONNARD, LITHOGRAPHIE

NACH DER HEROISCHEN ZEIT

VON

JULIUS ELIAS

Pierre Veber, ein witziger VaudevilJist und
flotter Vielschreiber, der ehedem in der „Revue
Blanche" die verschiedensten Rösslein der Kultur-
chronik tummeln und so seine grünende Jugend
austoben durfte, leistete sich 1906 in der Frü'h-
jahrsausstellung der Unabhängigen für eine gewisse
Malersekte die Bezeichnung „les fauves" — wilde
Bestien. In das Zentrum des kommunalen Ge-
wächshauses, das damals den Inde'pendants als
Unterschlupf diente, war zufällig eine Jugend-
gruppe verschlagen worden, deren ungewöhn-
licher Kolorismus bürgerliche, kaum an die Im-
pressionisten gewöhnte Gemüter aufreizen konnte.
Wenn Pierre Veber Künstlerleute dermassen in
die Zoologie versetzte, so war er gewiss ohne Arg.
Ebenso harmlos hatte einst Louis Leroy (Chari-
vari, 25. April 1875) die Schule von 1874 "*m~
pressionisten" getauft, und ein nicht minder un-
schuldiger Einfall war es, wenn später Henri Matisse
sein „tiens, c'est du cubisme" ausrief, als ihm zwei
junge Leute, Metzinger und Delaunay, Sachen in der

Manier des Picasso brachten. Leicht kommt dem
Publikum solch ein flott geprägter Ausdruck auf
die Lippen, und aus dem Modewort wird bald
ein Schimpfwort. Mit den Scheltnamen: Im-
pressionnistes, Fauves, Cubistes wurden in der öffent-
lichen Meinung Schulen zu Tode gehetzt, von denen
jede in ihrer Art die Fundamente aller Kunst aufs
Neue untersuchen wollte. Ein gedankenlos weiter-
getragenes Wort hat die Vertreter dieser drei Grup-
pen in der Welt berühmter gemacht, als sie selbst
zunächst wünschen konnten: für berühmt darf man
auch berüchtigt sagen.

Wie die Impressionisten, so hatten die Fauves
den schönen Trotz, den Schimpfnamen als eine
Fahne anzunehmen, unter der sich kämpfen liesse.
So wurden sie, ohne eigentlich zu wollen, zu einem
Bund zusammengeschweisst, dessen Führer Ma-
tisse, ein beredsamer und überredsamer Mann,
bald mehr und mehr Volk um sich sammelte. Die
Zahl seiner Freiwilligen und Unfreiwilligen stand
niemals recht fest. Man kam und man ging und

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