Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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Der N.turfotackBr

MUNCHENER ZEICHNER

VON

AUGUST L. MAYER

Die erste Ausstellung, die von der „Mappe", einer
vor einiger Zeit gegründeten Vereinigung der
bedeutendsten Münchener Schwarz-Weisskünstler, bei
Caspari veranstaltet wurde, bedeutete eines der wichtig-
sten und erfreulichsten Ereignisse im Münchner Kunst-
leben derletzten Zeit. Es haben sichin dieser Vereinigung
die verschiedenartigsten Künstler zusammengefunden,
alte und junge, Leute, deren Stil seit langem feststeht
und solche, die ihren Stil erst allmählich finden: Ober-
länder und Grossmann, Eugen Kirchner und Scharff,
Kubin und Unold. Wenn ich hinzufüge, dass auch Gul-
bransson und Peter Halm, Karl Arnold und Wilhelm
Schulz, Th. Th. Heine und R. von Hörschelmann Mit-
glieder der,,Mappe" sind,sowirdder
Aussenstehende zunächst denken,
es müsste da zuviel Heterogenes zu-
sammengekommen sein, das Ganze
einen reichlich bunt gewürfelten Ein-
druck gemacht haben. Aber das war
gerade das Überraschende bei dieser
Ausstellung, dass nicht nur das be- <jjfj
trächtliche, zum Teil sogar ausser-
ordentlich hohe Niveau aller Blätter
der Veranstaltung eine starke Ein-
heit gab, sondern dass für die Kunst
all dieser doch so verschieden ge-
arteten Zeichner ein gemeinsamer
Nenner zu finden war, dass man er-
kannte, wie sehr doch alle diese in
München lebenden Künstler einen
inneren Zusammenhang besitzen.
Dieses Verbindende liegt nicht im
Formalen, sondern es stecktimKern,
im tiefsten Wesen der Kunst all derer,

R. V. HÖRSCHELMANN, ILLUSTRATION
ZU TH. STORM

die sich hier vereinigt haben und es ist, um es mit einem
Worte zu sagen, eine bald offen zutage tretende, bald
sich verbergende, teils bewusste, teils unbewusste
Romantik, eine Romantik, der sich, wie es scheint, eben
kein in München lebender Künstler entziehen kann. In
vielön dieser Blätter lebt zarte Poesie der Sehnsucht,
aus vielen spricht romantisches Naturgefühl und roman-
tische Fabulierlust. Und wenn der eine still verträumte
Lyrik gibt, so wird der andere ironisch und schafft
Karikaturen oder Grotesken. Keiner bleibt nüchtern,
künstlerische Erregtheit ist wohl bald stärker, bald
schwächer zu verspüren, aber sie ist bei jedem da.
Mit den in Stimmung und Technik völlig ausgegli-
chenen Landschaftsradierungen von
Peter Halm, aus denen eine münch-
nerische Altmeistertradition im
besten Sinne zu uns spricht, scheinen
die unendlich liebevoll durchgeführ-
ten Landschaftsstudien Eugen Kirch-
ners am nächsten verwandt. Diese
Blätter, in denen man auch Be-
ziehungen zur Kunst Stadlers spürt,
haben wegen ihrer substilen Art, die
nie unangenehm kleinlich wirkt,
schon vor einigen Jahren auf einer
Sezessions-Ausstellung mit Recht
Aufsehen gemacht. In seinen figura-
len Blättern lässt dann dieser
Zeichner der „Fliegenden" seiner
humoristischen Laune die Zügel
schiessen. Es ist der ruhig fliessende
Kontur, der hier spricht, der in sich
geschlossene Linienfluss, der in
seiner scheinbar harmlosen Einfach-

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