Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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GLOSSE

VON

KARL SCHEFFLER

Man hat es oft als Vorteil gerühmt, dass Deutsch-
land in den Hauptstädten seiner Bundesstaaten
und in den grossen Provinzhauptstädten viele Kultur-
zentren besitzt; und man hat auf das alte Holland, auf das
Italien der Renaissance gedeutet, um zu beweisen, dass
solche Dezentralisation geeignet sei, ein ganzes Volk
mit künstlerischer Kultur bis in die Tiefen zu durch-
dringen. Daneben haben sich aber auch Stimmen ver-
nehmen lassen, die einer alles geistige Leben an sich
ziehenden und wieder ausstrahlenden Reichshauptstadt
in Deutschland das Wort geredet haben; sie vertraten
die Idee der Zentralisation und führten dafür Städte-
namen wie London oder Paris an. Man mag hierüber
denken wie man will: die Kultur kann auf beiden
Wegen gefördert werden; notwendig aber ist es in
jedem Fall, dass ein Volk sich für eines von beiden
entscheidet. Dieses hat das deutsche Volk bis heute
noch nicht fertig gebracht. Es will beides zugleich.
Berlin ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr Reichs-
hauptstadt im Sinne der Zentralisten geworden; zu-
gleich aber sind auch die Kulturzentren der Provinzen

und Einzelstaaten mächtiger geworden, und haben in
ihrem Machtgefühl, vor allem in Süden und Westen,
einen Kampf gegen Berlin eröffnet. Es ist dabei ja viel
Bewegung entstanden, aber es hat sich auch über ganz
Deutschland eine Gesinnung verbreitet, die man als
eine Gesinnung des unlauteren Wettbewerbes be-
zeichnen kann. Was der rapid gewachsenen Grossstadt
Berlin im Reich Schlechtes nachgesagt wird, ist im
wesentlichen richtig; schlimm ist es nur, dass auch die
Dezentralisationsbestrebungen sozusagen nach Berliner
Methoden betrieben werden. Das heisst: es wurde und
wird in den grösseren Städten des Reichs die Kultur-
arbeit gar zu oft als „Betrieb" organisiert. Wobei die
kleineren Städte naturgemäss hinter Berlin zurück-
bleiben müssen, weil in Berlin eine viel grössere Menge
von Stoff aufgehäuft ist.

Der Vorgang in einer Provinzstadt, die zu Wohl-
stand gekommen ist, spielt sich ungefähr so ab. Ein
lokales Kunstleben giebt es kaum, und der polytechnisch
akademische Kitsch herrscht in Architektur, Plastik und
Malerei auf der ganzen Linie. Das empfinden einige

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