Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

Page: 114
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1919/0128
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile






bace-J

|' •' *V\4«£--t,aM~-»*l,^

STRANDHAUSER, KREIDEZEICHNUNG

LIEBERMANNFÄLSCHUNGEN

VON

EMIL WALDMA NN





hen tnact

Kürzlich wurden im Berliner Kunsthandel die beiden
hier abgebildeten mit dem Namen Max Lieber-
manns signierten Buntstiftzeichnungen angeboten und
sofort sistiert. Es stellte sich natürlich heraus, dass es
Fälschungen sind, nicht etwa harmlose Arbeiten, die
kraft der Signatur unter falscher Flagge segeln sollten
(wie es so oft bei Leibl-Apokryphen der Fall ist), son-
dern ad hoc gemachte betrügerische Falsifikate, Die
Unterschriften stammen von der gleichen Hand und
sind mit demselben Stift gemacht, wie die Zeichnungen
selbst.

Das eine Blatt,,Strandhäuser" ist 11 $:i 85 Millimeter
gross, auf blaugrauem Papier mit magerer Kreide ge-
zeichnet, das andre „Frau im Hof" 180:185' Millimeter,
auf dünnem graubraunem Papier, ebenfalls mit magerer
trockener Kreide, in gelblichbraunem Gesamtton ge-
halten.

Wirklich geschickt sind nur die Unterschriften
gefälscht, die Zeichnungen selbst geben kaum äusserlich
die ArtLiebermannscherZeichenkunst wieder, innerlich
und genau betrachtet erweisen sie sich als äusserst
kümmerliche Machwerke. Wer der Meinung sein kann,
Liebermann hätte jemals eine so schlechte Figur ge-

zeichnet, wie diese gebückte Frau da in dem Hofe,
der versteht nicht nur nichts von Liebermann, sondern
hat auch von den primitivsten Anforderungen seines
beschwerlichen Fälscherhand werks noch nicht die leiseste
Ahnung. Von einer anständigen Fälschung wird heute
denn doch wesentlich mehr verlangt. Die Figur hat ja
gar kein Skelett und keinen Bau. Das kann, auf den
Organismus angesehen, ebenso gut oder ebenso schlecht
einen Heuhaufen bedeuten wie einen menschlichen
Körper. Wenn Liebermann so etwas macht und wenn
er es auch nur mit wenigen Strichen andeutet, so
drücken diese unter dem Zwang der Anschauung schnell
hingesetzten Striche doch Funktion aus, Aufbau, Gelenk,
Trennung, Übergang. Hier aber funktioniert gar nichts.
Der Fuss, oder der Fleck, der den Fuss bedeuten soll,
steht nicht, Hüften und Schultern sind nicht vorhanden,
die Arme haben keine Lebendigkeit und der Kopf geht
nicht los vom Rumpf, weil sein Hals nicht existiert.
Und einem Meister der Suggestion, wie Liebermann,
derartig talentlos durchgezeichnete Kübel und diesen
törichten Napf zuzutrauen, setzt eine recht weitgehende
Arglosigkeit voraus. Sehr amüsant im Sinne dieser
Arglosigkeit wirkt das Liniengemenge rechts oben über

I 1.
loading ...