Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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REMBRANDT, DIE LANDSCHAFT MIT DEM MILCHMANN. UM 1650. RADIERUNG

DIE LANDSCHAFT RE A4 BRAND T S

VON

KURT PFISTER

Die Landschaft des jungen Rembrandt ist von
jenem stürmischen Pathos aufgewühlt, das
die früheren Bilder des Meisters erfüllt. Man mag
darin vielleicht mit mehr Recht den in jeder jungen
Generation lebendigen Willen sehen mit aller aka-
demischen Übung und Überlieferung zu brechen,
als den Ausdruck eines inneren Nichtanderskünnen.
Das besagt: dieses Pathos ist eher als Geste und
als Stilwille, denn als Temperament und Gesinnung
zu deuten.

Das Ungewöhnliche, die Romantik, die phan-
tastische Erregung der Natur ist Thema dieser
Bilder, die Requisiten: steile Felsw*ände, stürmische
Wellen, Baumriesen, heroische Ruinen.

Jede Linie zuckt in erregtem Überschwang, aber
sehr selten hat eine die Überzeugungskraft, die
tief erregter Leidenschaftlichkeit zukommt. Das
Licht, das später die Funktion innerlicher Bindung
und Organisation übt, erscheint hier nur als spiele-
rischer, die Gegensätze willkürlich schärfender
Effekt. Auch hat auf diesen früheren Bildern —
das bekannteste ist das sogenannte Petrus-Schifflein
in der Sammlung Gardner zu Boston — die Land-

schaft nur die Rolle des Hintergrundes der Kulisse,
vor der sich die menschliche oder heroische Handlung
begiebt.

Gegen Ende der dreissiger Jahre verändert sich
das Verhältnis Rembrandts zur Natur vollständig.
Es ist psychologisch wohl begründet, allerdings
historisch nicht ganz zutreffend, — das erste rein
landschaftliche Bild ist von 1638 datiert, Saskia
starb erst 1640 — wenn man sagt, der Künstler
habe sich nach dem Tode seiner Gattin oft und
gerne auf dem Landgut des Freundes Six aufgehalten
und dort habe sich ihm, der Welt und Menschen
floh, die Wesenheit der Natur eigentlich erschlossen.

Jedenfalls sind die nun folgenden eineinhalb
Jahrzehnte, also etwa die Zeit von 1640 bis 1655,
da die Landschaft als Thema in seinem Schaffen
überwiegt, entscheidend für Form und Geistigkeit
seines Werkes.

Ein Blatt des Berliner Kupferstich-Kabinetts
(H. d. G. 164) vom Ausgang der dreissiger Jahre
zeigt eine Flachlandschaft mit Fluss und Kühen und
im Hintergrunde Andeutungen von Bäumen. Eine
zweite Zeichnungderselben Sammlung (H. d. G. 1 8 o),

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