Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

Page: 123
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1919/0137
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
OSKAR KOKOSCHKA

VON

KARL SCHEFFLER

Vor einiger Zeit habe ich versucht Max Pech-
steins und Erich Heckeis Kunst an dieser Stelle
so zu besprechen, wie der ruhig Urteilende sie sieht,
frei sowohl von parteitendenziöser Übertriebenheit
wie von Verkleinerungssucht, sich zwingend zu jener
abwartenden Neutralität der Empfindung, die ehr-
lich forschenden Kunstbeurteilern nicht genug emp-
fohlen werden kann. Eine Kollektivausstellung
von Bildern, Zeichnungen und Lithographien des
Österreichers Oskar Kokoschka bei Paul Cassirer
giebt jetzt erwünschte Gelegenheit, eine Wertung
auch dieses Künstlers im gleichen Sinne zu ver-
suchen.

In diesem Fall ist ruhige Besonnenheit be-
sonders angebracht, weil Kokoschka seit einigen
Jahren von einer Gemeinde begeisterter Maler,
Dichter und Kunstfreunde in einer verstiegenen
Sprache verherrlicht und als Messias ausgerufen
wird. Die Feststellung dessen, was ist — soweit
sie einer determinierten Fassungskraft überhaupt

möglich ist — hat im Fall Kokoschka grundsätz-
lichen Wert; sie ist aber auch eine Handlung der
Gerechtigkeit dem ernsten und begabten Künstler
gegenüber. Der Zweiunddreissigjährige kann for-
dern, besser eingeschätzt zu werden, als es von den
dichterischen Superlativen der Weggenossen ge-
schieht, nämlich sachlich und kritisch.

Die Ursachen des Überschwangs sind leicht
einzusehen. Sie werden deutlich, wenn man fest-
stellt, dass Kokoschkas Kunst nicht nur malerisch
orientiert ist, sondern ebenso sehr psychologisch
und literarisch. Dieses lebhafte Talent erregt
nicht so sehr durch seine Anschauungsform, als
vielmehr durch seine Art die Dinge geistig aufzu-
fassen. Er schafft sensationell, weil er in neuer
Form ein Ideenmaler ist. Und man weiss aus der
Geschichte der neueren Kunst, dass vor allem
immer Ideen etwas Aufrührerisches haben.

Zum zweiten wird der Erfolg bedingt durch
die Art, wie sich im Talent die Kräfte mischen.

IM
loading ...