Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 17.1919

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LANDSCHAFT. INDISCHE MINIATUR NACH EINEM GEMÄLDE IN DER ART DES JAN WIJNANTS

EINE PERSISCHE KOPIE

VON PERUGINOS „BEWEINUNG CHRISTI"

VON

FRIEDRICH SARRE

iflil-

Die Rolle, die der Orient in der antiken, mittel-
alterlichen und neueren Kunst des Abend-
landes als stets neu befruchtendes Element gespielt
hat, wird durch die Forschung immer mehr er-
kannt. Die Fälle, in denen eine direkte Be-
einflussung des europäischen Kunstschaffens nach-
gewiesen werden kann, verdienen naturgemäss
besondere Beachtung. Wir erinnern nur an
Rembrandt, der indische Miniaturen sammelte
und kopierte, und für dessen biblische Kom-
positionen die getreue Wiedergabe des orientali-
schen Lebens, die er in jenen Blättern fand, von
der höchsten Bedeutung war.1

Fragt man sich nun, ob das gleiche im um-
gekehrten Sinne auch der Fall war, ob der Einfluss
Europas auf den Orient auf das dortige Kunst-
schaften ebenfalls fördernd gewirkt hat, so muss
dies aufs schärfste verneint werden. Hier ist die
Beeinflussung nur eine schädliche gewesen. Setzt
doch zum Beispiel der Verfall der persischen Kunst
in dem Zeitpunkte ein, wo man im sechzehnten

bis siebzehnten Jahrhundert die europäische Kunst
kennen und schätzen lernte und sie nachzuahmen
begann. In jene Epoche des Übergangs, in die letzte
Blütezeit der persischen Miniaturmalerei fällt die
Wirksamkeit des Riza Abbasi, eines der frucht-
barsten und berühmtesten Künstler am Hofe des
grossen Safawiden Abbas I. (1587—1629) und
seines gleichnamigen Nachfolgers (vgl. meinen
Aufsatz: Riza Abbasi, ein persischer Miniaturmaler,
in Kunst und Künstler. 1910. S. 45 ff.). Im all-
gemeinen macht sich bei Riza Abbasi, der mit
einem Behzad oder einem anderen grossen Meister
des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts nicht
gleich gewertet werden kann, der aber trotzdem in
seiner Art, besonders als Zeichner, Hervorragendes
geleistet hat, der europäische Einfluss noch nicht
bemerkbar; auch da nicht, wo er, was häufig ge-
schah, Europäer abbildete, die er am kosmopoliti-
schen Hofe seines fürstlichen Herrn in Isfahan
häufig zu sehen Gelegenheit hatte. Es scheint
mir nun eine nicht undankbare Aufgabe zu sein,

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