Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 18.1907

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

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Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XVIII. Jahrgang 1906/1907 Nr. 24. 3. Mai.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an e. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petilzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

DER 36. (ODER 37.?) DELFTER VERMEER
Von A. Bredius

Noch ist das herrliche Prachtwerk meines Freundes
Hofstede de Groot über Vermeer und Fabritias nicht
endgültig abgeschlossen. Zu meinem eigenen Er-
staunen kann ich mit noch einem — gänzlich un-
bekannten und dennoch zweifellos echten — Vermeer
aufwarten.

Letzthin machte ich einen flüchtigen Besuch in
Brüssel. Ein liebenswürdiger Landsmann, Jonkheer
de Qrez, hatte mir geschrieben, er besäße mehrere
Rembrandtzeichnungen, ob ich keine Lust hätte, mir
die einmal anzusehen? So etwas läßt man sich nicht
zweimal fragen, und Brüssel ist vom Haag aus leicht
zu erreichen.

Im behaglichen Hause des glücklichen Besitzers
einer sehr bedeutenden Sammlung altholländischer
Zeichnungen angelangt, war doch das erste, was mich
anzog, eine Reihe guter Bilder. Da waren ein paar
stattliche Porträts von 1627, die mir von dem Middel-
burger Maler Simon Mesdach gemalt scheinen, ein
Brekelenkam usw. Plötzlich fällt mein Auge auf ein
kleines, hochhängendes Bildchen. »Darf ich das nicht
einmal herunternehmen, das scheint ja etwas sehr
Schönes zu sein?« Und jawohl! Sehr schön war
es! Man brauchte sich nicht lange zu bedenken. Die
Dame von Budapest hat wohl hier als Modell ge-
sessen. Aber sie sieht hier freundlicher und ange-
nehmer aus. Sie sitzt auf dem Stuhle Vermeers mit
den Löwenköpfen und großen kupfernen Knöpfen.
Einen sonderbaren — ich möchte sagen pyramiden-
artigen — Hut trägt das Mädchen auf dem etwas
nach rechts gewandten Kopf, der uns en face an-
schaut. Der Hut scheint von grauem Filz zu sein
mit weißen und braunen Streifen. Die junge Dame
hat ein matt blau-grünes Kleid an, mit großen weißen
Pelzmanschetten, und breiten Säumen vor der Brust
von demselben weißen Pelz. Beide Hände lehnen
auf einer Brüstung oder Tisch. Die Linke hält eine
hellbraune Flöte. Der Hals ist etwas entblößt, und
aus der Jacke guckt ein weißes Tuch, in breiten Falten
um den Hals liegend, hervor. Der Hintergrund
wird gebildet durch einen Gobelin mit grünen und
gelben vagen Blättern, der uns, ebenso wie der Stuhl,
von mehreren anderen Bildern Vermeers bekannt ist.
Die eine Backe und die Stirn liegen in feinem

Schatten, dem hellen zarten Vermeerschen Schatten,
während die linke Backe vom Lichte bestrahlt wird;
auch die roten Lippen, die den halb geöffneten Mund
umsäumen, sind hell beleuchtet. Überhaupt ist das
Spiel des Lichtes, des klaren Vermeerschen Lichtes,
das von rechts kommt, wunderbar schön, und macht
dieses kleine Gemälde zu einem großen Kunstwerk.
Ebenso ist der Kopf in seinem nachdenklichen Aus-
druck, der uns so merkwürdig ansieht, sehr reizvoll.
Das bekannte »Pointille« fehlt auch hier nichtr Die
Größe mag ungefähr dieselbe der »Dentelliere« im
Louvre sein, aber während jenes Bild sehr hell und
licht ist, hat unseres kräftigere, tiefere Töne. Es ist
tadellos erhalten; nur bedarf der Firnis eine leichte
Regenerierung. Sobald diese stattgefunden hat, wird
der Besitzer wohl erlauben, daß sein Schatz durch
eine gute Reproduktion den Ruhm des einzigen Ver-
meers auch weiter durch alle Lande trägt.

Trotz der Zeichnungen Rembrandts ging ich abends
heim, ganz erfüllt von dem gewaltigen Eindruck, den
dieses kleine Bild in mir zurückließ, ein Eindruck,
wie ihn nur ein sehr großes Kunstwerk eines sehr
großen Meisters hervorrufen kann.

Nachtrag. Eben schreibt mir der Besitzer, daß
er seinen Schatz den Sommer über dem Mauritshuis
leihweise anvertrauen will.

DIE KANZEL VON KAIRUAN

Eine Bitte an die französische Regierung
Von Josef Strzyoowski

Ich glaube, wir sind allmählich so weit, daß
alle Welt Anteil nähme und klassische Archäologen
wie Theologen und reine Kunsthistoriker etwas in
Aufregung gerieten, wenn heute jemand eine Kanzel
des dritten christlichen Jahrhunderts mit einer
Anzahl prachtvoller Skulpturen fände. Das Stu-
dium der Kunstdenkmäler derartiger Übergangszeiten
ist ja zurzeit beliebt, nur müssen es freilich solche
sein, die zwischen Antike und Christentum liegen.
Daß es einige Jahrhunderte später eine entwickelungs-
geschichtlich nicht minder interessante Bewegung ge-
geben hat, ahnen die wenigsten. Ich meine nicht
den Wandel von der christlichen Antike zum nordi-
schen Mittelalter; dem steht gegenüber ein nicht minder
einschneidender Umschwung im Osten, das Entstehen
der islamischen Kunst. Darüber sind die Ansichten
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