Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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von Mantegna, Raffaellino, Andrea della Robbia, der
ganz einzigen Medaillensammlung u. s. f. Jeder kennt
sie aus dem Simon-Kabinett unseres Museums. Seither
sammelte er vorwiegend, und zwar ganz nach eigner
Walil, deutsche Bildwerke, Bilder und Dekorations-
stiicke. Aucli diese ähnlich wertvolle Sammlung hat er
kürzlich — nach dem Zusammenbruch — als Ganzes
den Museen für das hoffentlich endlich der Vollendung
entgegengehende neue Museum der deutschen Kunst
zum Geschenk gemacht. Trotzdem und obgleich er in-
folge des jammervollen Kriegsendes eine Anzahl seiner
Bilder, darunter den Vermeer und Frans Hals, abgeben
mußte, ist auch heute die Sammlung von Dr. h. c. James
Simon noch eine der bedeutendsten und vielseitigsten
in Berlin. — Nach anderer Richtung konnten wir
P r o f. R i c h a r d v. K a u f m a n n s leidenschaft-
liche Sammellust befriedigen. Er hatte sicli von
vornherein auf primitive Kunst verlegt; nach
dieser Richtung konnte ich ihm ausgiebig behilf-
lich sein, da Gemälde des Trecento und zum Teil
selbst des Quattrocento, Bronzen, deutsche Holzskulp-
turen, Teppiche u. s. f. damals oft außerordentlich billig
zu haben waren. Das Triptychon von Memling, das
leider durch Brand zerstört wurde, kostete 12 000 Mark,
die dem N. Froment zugeschriebene „Auferweckung
des Lazarus“, die in der Versteigerung mit fast 400 000
Goldmark bezahlt wurde, nur 1 200 Mark. Die Samm-
lung, die 1917 als Nachlaß versteigert werden mußte,
war sicher in ihref Art die bedeutendste und mannig-
faltigste, nicht nur in Deutschland. Ähnlich vielseitig
sanunelte der mir später bei der Bildung unseres
Museumsvereins sehr behilfliche Valentin Weis-
b a c h, der aber mehr das liebliche und malerische
suchte: seine Sammlung von Kunstwerken des 17. und
18. Jahrhunderts ist noch in den Händen seiner Erben.
Fiir einen großen rheinischen Bankier, Karlvonder
Heydt, der Mitte der achtziger Jahre nach Berlin
übersiedelte, konnten wir die schöne Villa seines Onkels
mit einer Reihe trefflicher Gemälde der ersten hollän-
dischen und vlämischen Maler dekorieren helfen. Nach
dem Zusammenbruch ist der kunstsinnige und opfer-
freudige Patriot, der eben verstorben ist, nach dem
Rhein zurückgekehrt. Seine Villa ist jetzt zeitgemäß
— ein Spielklub!

Gleichzeitig konnten wir auch dem Senior unter den
Berliner Sammlern, AdolphThiem, dem jetzt neun-
zigjährigen, behilflich sein, sich vom Sammeln moder-
ner Bilder auf ältere Kunst umzustellen. Er hatte zuerst,
vor 50 Jahren, Franzosen der Schule von Fontaine-
bleau gesammelt. Diese trefflichen Bilder gab er ab
aus Schwärmerei für A. Menzel, von dem er eine ganze
Sammlung zusammenbrachte. Dann brachte unsere
Berliner Akademie-Ausstellung und die Gelegenheit,
welche die Bildersendungen der fremden Händler boten,
auch ihn zum Sammeln alter Kunst. Die hervorragende
Sammlung alter hölländischer und vlämischer sowie
einige primitive Bilder, die er zusammenbrachte, über-
ließ er uns zum größten Teil bei Eröffnung des Kaiser-
Friedrich-Museums, wobei er u. a. das herrliche Bildnis

der Marchesa Spinola von A. van Dyck schenkte. Da-
mals war seine neue L.eidenschaft alte persische Teppi-
che, von denen er als einer der ersten eine hervor-
ragende Sammlung zusammenbrachte. Als diese zu
umfangreich wurde, trennte er sich auch von dieser,
um die Gelegenheit, von San Remo aus in Oberitalien
klassische Bilder zu sammeln, ausnützen zu können,
von denen heute noch ein Teil seine Villa in San Remo
schmückt. Bei allem diesen Sammeln haben wir Herrn
Thiem nur Anregungen geben und gelegentlich auf
Kunstwerke aufmerksam machen können; denn gerade
selbst zu finden und zu entscheiden, war seine größte
Freude. Bei seinem lebhaften, impressiven Wesen hat
Adolph Thiem selbst nicht wenig zur Verbreitung der
Sammellust in Berlin beigetragen, namentlich in dem
Kreis, in dem er geschäftlich und gesellschaftlich ver-
kehrte. Ein Hauptschützling von ihm war M a r c u s
K a p p e 1, den er zuerst zum Menzel-Sammler erzog,
dann mit Stilleben versah. Dadurch kam Herr Kappel in
Geschmack, begann mit großen Mitteln zu kaufen und
stellte seine Sammlung holländischer und vlämischer
Bilder, die fast alle hervorragende Meister in sehr guten
Werken umfaßte (darunter allein seclis Gemälde von
Rembrandt), in einem eigenen Oberlichtsaal ge-
schmackvoll auf. Die Absicht, seine ganze Sammlung,
von der ich einen Katalog verfaßte, dem Museum zu
vermachen, hat der Umsturz verhindert, aber, soweit
die heutige Weltlage überhciupt Vermutungen zuläßt,
dürfen wir doch darauf rechnen, aus dieser ganz nnter
unserer Beihilfe zusammengebrachten Galerie einige
hervorragende Stücke als Erinnerung zu erhalten.

Eine ebcnso wertvolle, noch reichere und mannig-
faltigere Sammlung ist gleichzeitig fast ganz nacli unse-
ren Vorsclilägen entstanden. Als Herr OskarHuld-
s c h i n s k y von Oberschlesien nach Berlin übersiedel-
te, brachte er eine Anzahl älterer Bilder mit, die er für
eine Forderung hatte übernehmen müssen. Ich sagte
ihm, daß er kaum eines davon aufhängen dürfe. Herr
Huldschinsky bat dann, ich solle ihm eine kleine Samm-
lung holländischer Bilder zusammenbringen, aber
keines teurer als höchstens 1 000 Mark. Nach ein paar
Jahren erschienen diese Bilder plötzlich auf einer Ver-
steigerung bei Lepke: Der Besitzer hatte sich
entschlossen, nur noch wirkliche Meisterwerke zu kau-
fen, und das ist ihm im Laufe der Jahre wirklich gelun-
gen. Die Sammlung enthält eine Fülle von Meister-
werken aller Schulen, darunter eines der schönsten
Porträts von Raphael; daneben Bronzen, italienische
Bildwerke, Möbel und Wandteppiche von ähnlicher
Qualität. Während diese Sammlung noch unberührt ist
und in ihren geschmackvollen Räumen trefflich zur Gel-
tung kommt, ist die ähnliche, gleich vielseitige Samm-
lung C a r 1 v o n H o 11 i t s c h e r s schon während des
Krieges, bei der Übersiedlung des Besitzers nach der
Schweiz verkauft worden. Wir haben die Erinnerung
daran in einem reich ausgestatteten Katalog festgehal-
ten, wie ich ähnliche auch von den Sammlungen M.
Kappel und O. Huldschinsky verfaßt habe.

Schluß folgt.

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