Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 75
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druck, der beini ersten Augenblick stören kann, ver-
gessen. Im übrigen, welch ein Hauch, noch immer und
auch von einem solchen Werke! Was war das für
eine Welt, die so etwas hervorbrachte, welche Kraft
der Sinnenfreude war ihr ungebrochen geblieben, wie
fern war sie von aller Askese! Und was war das für
eine herrliche Religion, die ihre Götter in solcher Hei-
terkeit zu bilden vermochte! Denn eine durchaus
ernste, religiöse Absicht liegt dieser Schöpfung zu-
grunde. Von einem milder gestimmten Beurteiler wur-
de ich auf die Weihinschrift aufmerksam gemacht. Bin
Dionysios von Beirut hat dieses Werk seinen ange-
stammten Göttern gestiftet, sich und die Seinigen ihnen

zu empfehlen. Das erzielt einen interessanten Zusam-
menhang. Die Gruppe ist auf Delos im Hause der Po-
seidoniasten gefunden worden, jenes Vereios syrischer
Kaufleute aus Beirut, die damals, im zweiten vorchrist-
lichen Jahrhundert, auf der alten Insel große Geschäfte
machten. Diese hellenisierten Barbaren hatten ihre
alte Astarte, die Göttin der Wollust und des Todes, vor
deren starrem Idol Szenen von Tempelerotik mit Men-
schenopfern abwechselten, gegen diese lichte griechi-
sche Aphroditekonzeption vertauscht. Für sie trat in
einer solchen Darstellung die Majestät der Gottheit
zutage.

(Ein zweiter Artikel folgt.)

Lovis Corinth
„Frauenraub“
Bronze - Relief 1895

Kunstsalon

Dr. Erwin Rosenthal
Berlin

„hletn einziQes Relief“

oon

loots Cot^tntb

„Der Kunstwanderer“ hat sicli an Lovis Corinth mit
der Bitte gewendet, sich über die Entstehung seines jetzt
bei Dr. Erwin Rosenthal in Berlin ausgestellten einzigen
Reliefs „Frauenraub“ von 1895 zu äußern. Wir freuen
uns, die Antwort Corinths gleichzeitig mit seiner einzigen
Plastik „Frauenraub“ veröffentlichen zu können.

[|iese Arbeit ist dem reinen Zufall zu verdanken.

Ein abgeschrobener Kistendeckel vegetierte in
meinem Atelier irgendwann einmal auf eine Staffelei
gestellt und zog meine Aufmerksamkeit in höchst be-
scheidener Weise auf sein Dasein. Sein Geviert er-
schien mir als eine geschmackvolle Bildeinteilung. Mit
ein paar Kohlenstrichen war bald eine Komposition ent-
worfen; natürlich ein „Frauenraub“, der damals viel
in meinem Kopf herumspukte. Jetzt wurde ich schon
interessierter und überlegte schon, wie ich diese Arbeit
weiter machen könnte; ob in Ö1 oder auf Stein als
Lithographie oder aber ob ich, da mir doch die Skizze

sehr frisch und ausdrucksvoll schien, direkt den Kisten-
deckel verwerten sollte. Rafael hat ja seine Madonna
de la Sedia auf eine Tonne gemalt — warum sollte ich
denn nicht? —

Kurz und gut, icli kam auf dieses Relief. Mit einem
Block Plastelin strich ich auf den Deckel herauf, als
wenn man ein Butterbrot streicht, die Figuren immer
dicker als den I lintergrund. Allmählich gefiel mir die
Arbeit so sehr, daß ich größenwahnsinnig wurde und
ich Phidias, Bonatello und Michelangelo als meine
nächsten Verwandte ansah. Am Schluß fand ich es
wunderschön! Da gerade die Ausstellung im Glas-
palast eröffnet wurde, schickte ich es dorthin.

Ich dachte nicht anders, als daß die Ehrenmedaille
mir sicher war.

Es wurde aber refüsiert!

So ist das Relief entstanden.

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