Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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Wunderschön waren eine Reihe von Mittelitalie-
nischen Studien Straussens: „Kleine Versiglia, (Forte
dei Marmi, Toscana)“, Pineta al mare“, „Kleine
Pineta“, „Große Pineta“ (gleichsam mit einem wunder-
baren Kaltnadelton, aber tatsächlich nur geätzt), und
verschiedene Ansichten von Orvieto.

Wie die zeichnerisch festgefaßten Oliven- und
Pinienbäume vorn gegen den Hintergrund stehen. ist
prächtig. Strauss hat eine selir glückliche Hand in der
Bestimmung des Ausschnitts für sein Bild. Auch er
liebt einen hohen Augenpunkt, aber auf ganz anderer
Grundlage wie Vahrenhorst. Das Naturmotiv eines
Blicks von hohem Stand über tiefes Tal auf sich tiir-
menden Hintergrund hat ihn gepackt, und dessen Reiz
will er fiir sein Kunstwerk verwerten. Daher die Wahl
des hohen Ausgangspunkts in „Castagnola“, „Feld-
kapelle in IJnterwalden“, „Pax-Kapuzinerkloster bei
Certosa“. Beim ersten dieser drei Blätter ist die Gel-
tendmachung der Linie im Laub im Hintergrund, auch
im toten Astwerk vorn, sehr fein und auch in den
flächigen Stellen vergißt der Radierer seine Verant-
wortlichkeit gegeniiber der Linie nicht. Im letztgenann-

ten fallen die breitangelegten, rücksichtslosen Kreuz-
lagen auf, dort wo etwas in Schatten gelegt wird. Wie
bei Legros geht der Strich nie unter, aber in höherem
Maße als bei diesem, wird der Naturreiz bewährt; hier
schon einmal im großartigen Aufbau des Motivs.

Ganz neuerdings hat Strauss eine Reihe von Grau-
bündener Platten geschaffen. Die Zeichnung ist noch
gewissenhafter, wenn auch deshalb nicht kleinlicher
geworden. Es ist mehr Luft in der Platte, von jener
schönen Höhenluft, die einem aufatrnen läßt, wenn man
hin zu ihr geklommen ist. Und so steht die Zeichnung
nicht mehr so scharf in Gegensätzen dar. Auch hier
freut man sich über die prächtige Erfassung der Natur-
motive, z. B. im „Dorf am Rand des Tobel“.

Hoffentlich geben es die Verhältnisse, daß wir den
Künstler bald wieder ganz für uns gewinnen kötmen.
Der Kunst des Landes, dessen Schicksal ihm so sehr
am Herzen liegt, wird er gewiß zur Zierde gereichen.

*

Die Vorlagen für die Abbildungen nach den Radierungen von
Vahrenhorst sind uns vom Kunstverlag Franz Hanfstaengl
in München in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt worden.

Det? Kun(?famm(ec Cb^tdian tangaat’di'.

In Christiania ist Christian Langaard im Alter von
74 Jahren gestorbefr. Mit ihm verliert Norwegen seinen größten
Kunstsammler und einen großzügigen Kunstmäzen, dem die heimat-
lichen Museen zum Hauptteil ihre reiche und rasche Entwicklung
verdanken. Er war ein ähnlicher Typus wie dcr unvergeßliche
Däne Dr. Karl Jacobsen, dem er an Sammlertemperament und
-Intensität sehr nahestand.

Auch in Berlin war Direktor Langaard eine wohlbekannte
und hochgeschätzte Persönlichkeit. „Als ich ihn kennen lernte“ —
so schreibt Adolpli Donath in seiner „Psychologie des Kunst-
sammelns“ — „bewarb er sich geradc um rheinisches Steinzeug.
Das war im Februar 1913 in der Auktion Oppler bei Lepke, wo er
u. a. für die graue Riesenpinte Meister Knptzens mit den drei
Wappen von Dänemark, Köln und Schweden den Riesenpreis von
9 800 Mark bezahlte. Natiirlich galt diese Siegburger Arbeit als
ein Kapitalstück, aber der Preis ist ein Rekordpreis gewesen, den
nur ein Sammler opfern konnte, der über den Wert dieser von
Otto von Falke so glänzend gewürdigten Kunstgattung mit sich
völlig im Reinen war. Und fast um die gleiche Zeit war es auch,
daß Christian Langaard seine Bildergalerie durch eine ganze Reihe
niederländischer Meister bereicherte. Uber München sind sie nach
Christiania gewandert: ein Rubens (Landschaft mit Romulus und
Remus), zwei Rembrandts (das Porträt seines Bruders Adriaen
und die Landschaft, die friiher Sir George Donaldson in London
besaß) und ein Weenix, der einmal bei Nemes in Budapest hing
usw. Das war also ein Ruck, der die Galerie Langaards mit einem-
mal in die Höhe brachte. Doch auch schon in den Jahren vor 1913
waren kostbare Stücke in diese Sammlung gekommen: so ein
Frans Hals, „Das lachende Kind“, das Jules Porges in Paris ge-
hörte und mit den zwei Köpfen der Kölnischen Sammlung des
verstorbenen Barons Albert von Oppenheim verwandt ist, so ein
Cariani, dieser seltene Bergamesker, der ein Zeitgenosse Tizians
ist und, gleich Paris Bordone, die Geliebte des venezianischen
Meisters, Violante, verewigt. Dieser Cariani scheint mir eins der
Glanzstücke der Langaard-Galerie. Es ist das Porträt eines alten
Patriziers, das in seiner künstlerischen Plastik wie aus Erz ge-
meißelt dasteht und eine Kraft der Charakterisierung zeigt, wie sie
in solcher gleichsam seelischen Potenz nicht viele Meister der

Cinquecento haben. Jens Thiis, der die Italiener und Spanier
Langaards katalogisierte, während Karl Madsen, der Bode des
Nordens, die Flamen und Holländer iibernahm, nennt blos 11 Bil-
der, die als unbestrittene Werke Carianis, eigentlich Giovanni
Busis (t 1547) bekannt sind. Die „Violante“, für die man vor
kaum mehr als hundert Jahren 361 Fr. zahlte, ist hier, glaube ich,
ebensowenig mitgezählt wie das Porträt des Erben von Morone,
das im Jahre 1892 den Preis von 1 500 Fr. erreichte.

Einen besonderen Vorzug hat diese Galerie des größten
norwegischen Kunstsammlers: minderwertiges ist hier ausge-
schaltet und selbst die Serie der niederländischen Kleinmeister
wie Brekelenkam, Pieter Codde, Wijnants, Everdingen und an-
derer enthält durchweg Qualitäten. Und in der mehr als fünf-
hundert Nummern zählenden Gruppe des alten Kunstgewerbes —
Emil Hannover aus Kopenhagen war neben H. Grosch und Harry
Fett der feinsinnigste Berater Langqards — finden sich Stücke
von Rang, die manchem Museum von Rang zustatten kämen.“

Pflicbtcn Qcgcn dic Kun{?.

Der Berliner Maler I. v. Bülow schreibt uns die
nachstehenden Zeilen, denen wir nur weitestgehende Be-
herzigung wünschen können.

Der Ankauf von Bildwerken wird den deutschen Kunst-
sammlern immer schwerer, weil unsere Valuta es nicht mehr ge-
stattet, Kiinstlern ein angemessenes Honorar im Verhältnis zu
dem doch stets bleibenden Werte ihrer Leistungen zu zahlen. In-
folgedessen ist fast der einzige, der heut noch bei uns Bildwerke
kauft, der Ausländer. In diesem Zusammenhang taucht eine neue
Pflicht gegen unsere Kunst auf: Es muß dafür gesorgt werden,
daß der Ausländer, der Bildwerke erwerben will, richtig beraten
wird, daß ihm klar gemacht wird, welche Werke wirklich Kron-
zeugen deutscher Kunst sind und welche wir als Kitsch, als
Fabrikware nicht anerkennen können. Denn das vom Ausländer
erworbene Werk geht als Zeugnis fiir deutsche Kunst und Kultur
ins Ausland und kan dadurch soviel Nutzen, wie aridererseits
unendlichen Schaden anrichten. Tatsächlich ist heut fast durch-

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