Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 99
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1922_1923/0119
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Bcaunfcbiüctgtßbc 0oldßf)rmedctüet?kc urtd ibcc Jvlcidcc

oori

Cbt?t{!tan Scbe^et?

I-h s ist noch nicht allzu lange her, daß wir tiber die

Braunschweigische Goldschmiedekunst, ihre Mei-
ster und deren Werke einiges Nähere wissen. Denn
erst seit Beginn der Inventarisation der Bau- und
Kunstdenkmäler des Braunschweigischen Landes, ganz
besonders aber seit der im September 1906 anläßlich der
VII. Tagung für Denkmalpflege im damaligen Herzog-
lichen Museum veranstalteten Ausstellung von älteren
Goldschmiedearbeiten hat sich die Aufmerksamkeit der
Kunstfreunde und -Forscher auch diesem Zweig hei-
mischen Kunstgewerbes zugewandt. Freilich war es
zunächst und wohl unabhängig von jenen beiden äuße-
ren Ursachen das Goldschmiedegewerbe als solches,
seine Organisation, wirtschaftliche Bedeutung usw.,
was die Forscher, denen hier ein verhältnismäßig rei-
ches urkundliches Material zur Verfügung stand, an-
lockte 4); erst an zweiter Stelle standen die Erzeug-
nisse dieses Gewerbes und ihre Meister* 2). Zwar hat
uns schon Mithoff3) eine stattliche Reihe von Namen
Braunschweigischer Goldschmiede überliefert, die in-
zwischen noch durch eine lange Liste weiterer, aus den
Akten des Städtischen Archivs zu Braunschweig ge-
schöpfter Namen ergänzt werden konnte, aber beglau-
bigte Arbeiten aller dieser Meister sind bisher erst in
so geringer Zahl bekannt und der Forschung zugänglich
gemacht worden, daß sich daraus nicht einmal eine un-
gefähre Vorstellung von den Leistungen der Braun-
schweigischen Goldschmiedekunst gewinnen läßt. Um
diesen Mangel, so weit das im Rahmen eines kurzen
Aufsatzes geschehen kann, einigermaßen abzuhelfen,
sollen hier zunächst drei Werke veröffentlicht werden,
die durch eine gewisse künstlerische Eigenart und ihre
interessanten historischen Beziehungen Anspruch auf
besondere Beachtung erheben können.

In der Sammlung der Dänischen Könige im
Schlosse Rosenborg bei Kopenhagen wird ein merk-
würdiges Trinkgefäß aus vergoldetem Silber aufbe-
wahrt, das König Christian IV. als Ringrenner darstellt
und 1596 zur Erinnerung an das große Ritterspiel auf
dem Amackermarkte in Kopenhagen bei der Krönung
des Königs angefertigt wurde (Abb. 1). Letzterer, der
sich bei dieser Gelegenheit besonders auszeichnete, sitzt
in Turnierrüstung und mit Federhut auf galoppierendem
Rosse, im Begriff, mit der langen Turnierstange den
Ring, der zwischen zwei reich verzierten, mit den Wap-

b Vergl. R. Karcher, Das deutsche Goldschmiedehandwerk
bis ins 15. Jahrh. 1911. — M. Rosenberg, Der Goldschmiede Merk-
zeichen, 2. Aufl. 1911, S. 211 ff.

~) Vergl. Chr. Scherer, die Goldschmiede-Ausstellung im
Herzogl. Museum im Sept. 1906 in „Braunschweigisches Magazin“
1907, No. 7.

3) „Mittelalterliche Kiinstler und Werkmeister Niedersach-
sens und Westfalens.“

pen und Namensinschriften der übrigen siegreichen
Ringelrenner versehenen Säulen an einer Schnur auf-
gehängt ist, berunterzuholen; unter dem Bauche des
Pferdes, dem ein Baumstamm als Stütze dient, befindet
sich eine laufende Figur, die wohl als Knappe oder
Hofnarr gedeutet werden kann 4). Das Ganze dürfte
zunächst als Tafelzierde gedacht gewesen sein; da-
neben konnte es aber auch als Trinkgefäß benutzt wer-
den, dessen Deckel der mit dem Dänischen Wappen und
königlichen Namenszug geschmückte Kopf des Pferdes
bildet, während die Vorderbeine als Henkel dienen, und
gehört als solches zu jener großen Gruppe von Gold-
schmiedewerken der Renaissance, in deren oft reclit
wunderlichen Gestaltungen sich nicht nur, wie hier, die
Erinnerung an ein bestimmtes äußeres Ereingnis, son-
dern auch ein gut Teil der ganzen Geschmackskultur
jener Zeit widerspiegelt,

Innerhalb dieser Gruppe nimmt unser Reiter eine
beachtenswerte Stelle ein, um so mehr als wir auch
Herkunft und Verfertiger desselben kennen. Auf Grund
seiner Beschau- und Meistermarke erweist es sich näm-
lich als eine Arbeit des Braunschweigischen Gold-
schmieds H e i n r i c h Beust5), dessen Name zwar
in der obeti erwähnten, aus den Akten des Städtischen
Archivs zusammengestellten Liste Braunschweigischer
Goldschmiede nicht begegnet8), der aber bei Mithoff
erwähnt und aucli sonst hinlänglich bezeugt ist. Beust
wohnte auf der Reichenstraße und muß nicht nur ein
vielbeschäftigter, sondern auch ein wohlhabender
und angesehener Meister gewesen sein, da, wie be-
richtet wird7), in den 90 er Jahren des 16. Jahr-
hunderts wiederliolt fürstliche Herrschaften, die sich
vorübergehend in Braunschweig aufhielten, in seinem
Hause übernachteten, darunter auch Mitglieder der
Dänischen Königsfamilie, welch letzterer er durch
seinen öfteren Aufenthalt in Kopenhagen näher getreten
war. So liatten u. a. König Christian IV. und mehrfach
auch die Witwe König Friedrichs II. von Dänemark. die
Schwiegermutter von Herzog Heinrich Julius von
Braunschweig, Beusts Gastfreundschaft genossen, und
diesen Beziehungen zum Dänischen Königshofe wird er
natürlich mancherlei Aufträge zu verdanken gehabt

4) Ein mittelmäßiger Holzschnitt in Brocks „Fiihrer durch
das Rosenborg-Museum“, S. 31.

5) M. Rosenberg hat zuerst (Kunstgewerbeblatt 1886, S. 172)
die Meistermarke vermutungsweise auf den Goldschmied Hans
Böschart gedeutet, später aber an dessen Stelle, der schon aus
zeitlichen Gründen nicht in Frage kommen kann, Heinrich Beust,
freilich immer noch zweifelnd, gesetzt (a. a. O. S. 213, No. 708).

“) Hier kommt ein Antonius Beust vor, der 1607/8—1621 als
Goldschmied nachweisbar ist und wohl ein naher Verwandter,
vielleicht sogar ein Sohn, jenes gewesen ist.

7) Siehe Sack im „Braunschweig. Magazin“ 1858, 43 Stück,
S. 422. Anmerkung.

99
loading ...