Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 489
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bar unsere Überlieferungen seit Niebuhr und Wilhelm
von Humboldt, Robert von Keudell, Kurd von Schlözer
und dem Fürsten Bülow geläufig waren. Wer heute
das Marcellustheater betritt, sieht, wie sich Neu-Rom
mit niitzlichen Zweckmäßigkeitsbauten iiberall einzu-
drängen versteht. An das Ghetto des päpstlichen Rom
neben dem Theater des Marcellus erinnern noch die
zahlreichen hier wohnenden jüdischen Familien von
eigenartigem Gehaben innerhalb der römischen Welt.
Ihr Gotteshaus erhebt sich in prächtigen arclntektoni-
schen Linien an der Tiberseite und verkündet auf
erzenen Tafeln die Natnen der im Weltkrieg gefallenen
Gemeindemitglieder. Während ich vom frühen Morgen
bis zum späten Abend jede Stunde nützte, konnte ich
später noch den Spuren der Hohenstaufen weiter nach
Süden folgen, wo das unsterbliche politische Geschlecht
seinen Untergang gefunden hat. Das Preußische Histo-
rische Institut in Rom hat noch während des Krieges ein
großes Tafelwerk iiber die Hohenstaufenbauten in Süd-
italien vollenden können, das uns die heute von Rei-
senden kaum mehr aufgesuchte Provinz Capitanata und
ihre Nachbargebiete vor Augen führt. Es gibt in
solchen Zusammenhängen für den Geschichtsforscher

Stunden und sogar Tage wunschloser Zufriedenheit und
tiefen Glücksgefühles. Es ist die Antike, die uns irn
Süden immer sinnfälliger entgegentritt, die europäische
Zivilisation hat hier noch wenig zerstören können, weil
diese Kinder des Südens gleichsam fremd in unserer
Zeit leben. Und doch hat man so häufig das Gefühl,
einein Vertreter alter Kultur selbst im einfachsten
Manne gegenüberzustehen, da die bewegungslose Hal-
tung, der unergründliche Blick, die edelanmutige Ge-
bärde auf alte geschichtliche Überlieferung deuten.
Welche Geheimnisse des Seelen- und Völkerlebens
mögen die kaum betretenen Urwälder Calabriens noch
bergen, des Südens überhaupt, wo noch die Nach-
kommen griechisch-byzantinischer Kolonien bis in die
neueste Zeit hausten und doch die meisten Besucher nur
die bekanntesten Pfade wandeln? Hier wird die unge-
heuere geschichtliche Bedeutung der vieltausendjähri-
gen Mittelmeerkultur in allen ihren Zusammenhängen
recht lebendig und des alten Historikers Heeren Wort
wird zum Erlebnis: „Laßt eine Steppe den Raum des
Mittelmeeres ausfüllen und wir wären noch umher-
irrende Tataren und Mongolen, wie die Nomaden von
Mittelasien es bleiben“.

KunfftDandct’ungen m ßaden

Befucb bei )ians Tboma in Kaclscube. — Rund um fieidelbevq

von

Adotpb Oonatt)

A m 6. Juli 1923 war ich bei Hans T h o m a in Karls-
ruhe. Schwester Agathe öffnete inir und führte
mich zu ihm. Der Altmeister sitzt im Rollstuhl, den er
leider nicht verlassen kann, am Fenster und läßt die
Sonne über seine Hände fließen, die nicht mehr schaffen
können. Von den Gärten, die in der Hans Thoma-Straße
rings um die Badische Kunsthalle blühen, wo Thoma im
Stockwerk über der Museums-Direktion sein Heim hat,
flattern die Schmetterlinge an sein Fenster heran, als
wären sie die lebende Huldigung des Sommers für den
Maler und Poeten, den Denker und Philosophen.

Wer ihn zum erstenmal sieht, ist tief bewegt. Ganz
leise nur kann der Alte die Hände bewegen, ganz leise
nur kann man sie fassen, diese feingeäderten durch-
sichtigen Hände, die der deutschen Kunst so unvergäng-
liches gegeben haben. Der große weiße Kopf atmet
Güte, die dunklen Augen, die über die schmale Brille
geradeaus blicken, sind von wundersamem C.lanz, alle
die Empfindungen widerspiegelnd, die den großen
Maler-Menschen und Menschen-Maler beseelen.

„Ich habe mich überlebt“, sagt er fast mit Humor.
Und als ich auf seinen Humor anspiele, antwortet er so
temperamentvoll, wie nur ein ewigjunger antworten
kann: „Ja ich habe immer Humor gehabt, obwohl
mir manchmal bitter zumute war. Den aber wünsche

ich a 11 e n Künstlern vom Herzen. Humor sollen sie
haben und mit dem Humor die F r e i h e i t. Jeder soll
das malen, was er fühlt.“ Er lächelt, als wir von den
neuesten „Richtungen“ sprechen. „Sie sollen sich
nur den Kopf anrennen“, meint er, „das macht niclits,
das ist gut für sie“.

Wir sprechen dann von B e r 1 i n. Wie gern wäre
er zu seiner großen Ausstellung gekommen, die Justi in
der Nationalgalerie gemacht hat! Und er freut sich, daß
sie so einschlug. „Aber — ich habe Justi abgeraten;
nun ist ja die Sache glücklich vorüber“. Und wir
sprechen von dem Thoma-Museum, das am
2. Oktober 1909, am 70. Geburtstage des Meisters, im
Anbau der Badischen Kunsthalle eröffnet worden ist.
Der tiefe Eindruck, den ich von den Evangelien-Bildern
und allen den Märchen der Thoma-Kapelle empfing,
verdichten sich, da ich dem Altmeister gegenüber sitze
und in die schimmernde Traumwelt seiner Augen
schaue. Seine Augen sind feucht geworden, als ich ihm
schildere, wie mächtig die Wirkung der Gedanken- und
Farbenklänge s e i n e r Kapelle ist. „Heute kann ja“,
sagt er, „der alte Bernauer nicht mehr hinunter. Vor ein
paar Jahren aber ging es noch.“ Und da erzählt er auch
gleich von den Tagen, da er die Kunsthalle als
Direktor übernommen hat und wie „furchtbar“ damals

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