Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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Paut Dabt?enbot?ff und Cact Stcauß
oon

Hans 10. Stnget?

„Der Kunstwanderer“ wird von Zeit zu Zeit beson-
dere Artikel über Neue Graphik bringen. Wir eröffnen
diese Serie mit dem nachstehenden Aufsatz von Professor
Dr. Hans W. Singer (Dresden).

t—¥ at man Dr. Hans Prinzhorns hervorragendes Werk,
^ das eindringlichste zum Thema „Expressionismus“
durchgenommen, und wendet sich zur Kunst Paul Vah-
renhorsts, so bestätigt man, — mit oder ohne Behagen,
je nach dem eigenen
Temperament, — daß es
auch unter den Mitglie-
dern der heutigen Gene-
ration, Kiinstler gibt, die
den Hemmungen unter-
liegen, welche für den
Geist des normalen Men-
schen ausschlaggebend
sind. Vahrenhorst scheut
die Arbeit nicht, und er
hat eine feine Empfin-
dung fiir die Schönheiten,
die durch das Material
ermöglicht werden.

Mit weicher, geschmei-
diger Hand, in gleich-
mäßig leichtbeschwing-
tem, graziösen Anschlag,
läßt er die feine Nadel
iiber die Platte spielen.

Er erzielt stets einen
fröhlich lichten, zarten
Gesamtton, nicht unähn-
lich dem milden Grau,
das einen Legros’schen
Bildnissteindruck kenn-
zeichnet. Da er viel
Papierweiß stehen läßt,
erreicht er diese feine
Schattierung, indem er
die Linie selbst ganz
schwach nimmt, so daß
sie auch in den tiefen
Schatten nur ausnahms-
weise sich zum richtigen
Schwarz entwickelt. Die
Delikatesse Whistlers ist
bekannt: hier ist eine zweite, ganz anders in ihren
Grundlagen und ihrem Aufbau, aber nicht minder ent-
zückend. Da hat man wieder einmal den Beweis dafür,
wie unerschöpflich reich und vielfältig die Möglichkei-
ten sind, die sich durch dieses einfachste aller Mittel, —
der kleinen Nadel, des Stückchens Platte, des Wenigen
an schwarzer Farbe, — bezwingen lassen.

Vahrenhorst bedient sich fast ausschließlich der
kalten Nadel und geht auf größte Ehrlichkeit aus.
Der Drucker darf sich bei ihm nie erlauben die eigene
Kunst noch auf diejenige zu setzen, die schon in der
Platte steckt. Oft hat man geradezu den Eindruck, es
könnte mehr aus der Platte geholt werden, als tat-
sächlich geschehen ist und man ist versucht zu sagen,
sie wäre im Visitenkarten-Stil gewischt. Jedenfalls

bietet selbst diese Zu-
rückhaltung einen gewis-
sen Reiz, denn sie er-
weckt die Vorstellung
von Verheißungen, die
nur nocli nicht völlig in
die Tat umgesetzt wor-
den sind.

Das Stoffgebiet Vah-
renhorsts ist das Städte-
bild. Seine Motive nimmt
er meist aus Italien und
Oberbayern. Mit der
Wahl des Standpunktes
müht er sich nicht unge-
wöhnlich ab; es ist ihm
alles recht, so wie es
sich seinem Auge darbie-
tet. Er will nicht durch
den Stoff, sondern aus-
schließlich durch die
Kunst wirken. So meidet
er nicht nur die beson-
deren, anerkannt charak-
teristischen Plätze der
Städte, in denen er ra-
diert, auch das was er
sich vornimmt erhält
kein besonderes Auf-
fassungsgepräge, so daß
es auf die Unterschriften
nicht ankommt. Wistler
radierte alles gleich-
mäßig, ob er sich ein Mo-
tiv aus Amsterdam, Lou-
don oder Venedig vor-
nahm, und so ist es uns
ganz egal, was wir vor^
ihm dargestellt bekommen. In anderer Weise aber
ebenso gleichgiltig ist es uns bei Vahrenhorst; denn
bei der Straße, die er gewählt hat, würden wir ihm
ebenso glatt glauben, wenn er Neapel oder Genua, oder
Rom als Titel darunter setzt. Auch psychologisiert er
seine Bauten nie. Eine Vorliebe hat er vielleicht, die
Wahl eines hohen Standpunkts, sodaß wir also sehr oft

Carl Strauss, Italienische Landschaft

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