Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 407
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UX Jvtaütin (dcn Haag)

für den Kunstwänderer niedergeschriebenen Worte
„das Bild des Oeuvre, so wie es jetzt vorliegt, be-
friedigt nicht, sondern verwirrt“ mehr sind als nur die
Staßseufzer eines einzelnen verneinenden Geistes.
Auch das System der Rembrandtforschung macht eben
eine Entwicklung durch. Unser Blick erweitert sich,
unsere Erfahrung nimmt zu und andere Auffassungen
rufen um Beachtüng. Das Bestimmen ausschließlich
nach dem impulsiven Empfinden wird ebensowenig
mehr als richtig betrachtet, wie die Methode, um nur
graphologisch, d. h. nach den Pinselstrichen und der
Malweise, zu bestimmen. Man beginnt — und das mit
Recht — es stets lauter zu tadeln, daß nicht immer ein
genaues Abwägen des rein künstlerischen Gehaltes
stattfindet. Ob einer Arbeit genügend individuelle
Kraft und Temperament innewolmt, um dieselbe einem
bestimmten Meister zuschreiben zu können; ob sie den
Schönheitsbegriffen und den wechselnden Idealen des
Meisters entspricht oder nicht, ob sie geistig seiner
würdig ist — auf dies alles sollte wieder mehr Wert ge-
legt werden und das Gefühl dafür sollte unser histori-
sclies und graphologisches Wissen leiten und beherr-
schen. Die Erkenntnis der künstlerischen Gestaltung,
früher vorwiegend bei den bildenden Künstlern vor-
handen, wird heutzutage mehr denn je aucli bei den
jüngeren Kunstforschern ausgebildet. Das Stilgefühl
verfeinert siclr und so sind für die Zukunft die besten
Resultate zu erwarten.

Es scheint jedoch, daß diese Weiterentwicklung der
stilkritischen Methodik keineswegs von einem der

Professor Dr. W. Martin, der Direktor der welt-
berühmten Galerie Das Mauritshuis, den Haag, sendet
dem „Kunstwanderer“ nachstehenden besonders beach-
tenswerten Artikel.

I n einem Aufsatz „Rembrandt-Rätsel“ im 1. und
1 2. Septemberheft 1921 des „Kunstwanderers“ ’nabe
ich mich anläßlich der Ergebnisse der neueren Rem-
brandtforschung, so wie dieselben in den beiden Va-
lentiner’schen Bänden (II und XVII der Klassiker der
Kunst) vorlagen, als meine Überzeugung darzulegen
bemüht, daß jene Ergebnisse k e i n deutliches
und klares, sondern ein verwirrendes
B i 1 d d e r m a 1 e r i s c h e n 'J' ä t i g k e i t R e m -
b r a n d t s z u T a g e g e f ö r d e r t haben. Um
dem abzuhelfen, wurde eine peinliche Revision der Zu-
schreibungen aller derjenigen Bilder empfohlen, welche
nicht durch Belege oder durch ihren stark ausgeprägten
('harakter wirklich für Rembrandts in Anspruch ge-
nommen werden können.

Seitdem sind meine Ausführungen, welche auch die
Meinung manches andern Fachgenossen vertreteu, von
verschiedenen Seiten — namentlich aucli von jüngeren
Kollegen — als im Allgemeinen richtig anerkannt
worden. Von den älteren Fachgenossen hat Niemand
weniger als Abraham Bredius sich gegen die Valen-
tinerschen Resultate gewendet (Zeitschrift ftir Bildende
Kunst 1921, Heft 7/8).

Aus alledem geht hervor, daß es also nicht melir
Leute gibt, denen die bisher befolgte Methodik mangel-
liaft erscheint und die der Ansicht sind, daß die damals

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