Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 71
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- — Die Schule der Griechen blieb
noch offen, das Tor schlossen die
Jahre nicht zu.

Rörnische Elegien.

\\/ir Heutigen sind in doppelter Weise von Grie-
* ” chenland entfernt. Zunächst durch die iriate-
riellen Schwierigkeiten der Reise. Die Intellektuellen
aller Nationalitäten sind von ihnen betroffen, denn die
Klage über sie hört man unterwegs zu seinem Erstau-
nen von Leuten, von denen sie am wenigsten zu er-
warten gewesen wäre. Aber wie groß und fast un-
überwindlich auch diese pekuniären Hindernisse zu
Beginn der Reisevorbereitungen sich darstellen mögen
— der dümmste aller Mängel, der Mangel des Geldes,
wird uns letzten Endes doch nicht von der großen An-
schauung abhalten können. Ein anderes fällt da weit
rnehr ins Gewicht, nämlich der Wille selbst zu dieser
Anschauung. Er droht uns verloren zu gehen. Der
mächtige Zeitstrom, in dessen Gewoge wir physisch und
moralisch nach Land suchen, drängt uns ganz anderen
Gestaden seelischer und künstlerischer Konzentrationen
zu, als es die griechischen sind. Die Primitiven aller
Zeiten und Weltteile, Mexiko, Peru, die Negerländer,
dann das alte China, Persien, und als das große Ange-
sicht des alten Orients, vor allem Ägypten, das-sind die
Horizonte, die unter dem Sturmhimmel der Gegenwart
in greller Beleuchtung auftauchen. In diesen Lebens-
und Kunstkreisen glauben wir zu finden, was uns ent-
sprechend ist. Ihre im Unvollkommenen vollkommene
Form spiegelt uns eine höchste Anstrengung des
menschlichen Geistes, das Chaos der umgebenden Welt
zu durchdringen wieder, jene Anstrengung, zu der wir

selbst durch die großen Erschütterungen unserer Zeit
in ganz neuem Sinne gezwungen sind. Der Eindrucks-
kraft dieser uns wie wir glauben, aus der gesamten
Vergangenheit und Gegenwart am unmittelbarsten an-
gehenden vereinfacht-primitiven Gebilde gegenüber be-
darf es in der Tat einer Besinnung auf Griechenland,
der Schreiber dieser Zeilen am liebsten den unmittel-
baren Eindruck von den griechischen Dingen voraus-
schicken möchte. Denn gerade das scheinbar mit uns
Heutigen ganz Zusammenhanglose an ihnen, das Un-
bekümmerte um unsere Nöte in ihrem vollendeten
Seien, ist von einem derartig strahlendem Wesen, von
einer so großen und über alle Zweifel erhabenen Wohl-
tat des Eindrucks, daß wir, einmal damit in unmittel-
bare Berührung gebracht, darin jene absolute Leistung
des menschlichen schöpferischen Genius erkennen, für
deren Bezeichnung uns nach unserem Sprachgebrauch
nur der Begriff des Göttlichen übrig bleibt. Die Mensch-
werdung einer tiefen Urzeit, die große Kulturarbeit des
alten Orients sind durch die genialen Konzeptionen der
Blütezeit dieses wunderbaren griechischen Volkes auf
allen Gebieten in eine höhere Ordnung der Dinge er-
hoben worden. Seine Humanität nirnmt unsere eigenen
höchsten Begriffe vorweg. Und auf dem Gebiete der
Kunst erscheinen alle jene an sich höchsten Werte, die
vor ihnen gewesen und nach ihnen gekommen sind, den
griechischen Dingen gegenüber bedingt. Den Wechsel-
fällen des Lebens entsprechend, werden verschiedene
Epochen verschiedenen Kunstbetrachtungen nachgehen.
Das Wesen aller Kunst und ihr Inbegriff bleibt dieses
unbekümmert um Alter und Ruin strahlende griechische
ens perfectissimum, dessen unsterbliche Enranationen,

7!
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