Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 348
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Der Staat Thüringen hat hier eine Stiftung über-
nommen, die als „Stiftung der älteren Linie des Hauses
Reuß“ bei der Auseinandersetzung zwischen Staat und
Fürstenhaus gegründet wurde, deren Namen das An-
denken an das Geschlecht der Reußen in sich schließt
und für deren würdige Unterkunft sich die Gunst des
Schicksals und geeignete Vertreter des Staates ver-
bündeten. Man muß sie kennen, die stillen Reize der
kleinen ehemaligen Residenzen, in denen inmitten eines
wackeren Gewerbefleißes oder einer starken Industrie
nicht selten die Spuren eines Nachahtners Augusts des
Starken fortleben. Da es sich hier um einen Fall
handelt, der für andere ähnliche vorbildlich sein sollte,
gehe ich mit einigen Zeilen darauf ein. Vom Kultur-
reichtum Thüringens habe ich bereits in einem Aufsatz
des „Kunstwanderers“, 2. Dezemberheft 1920, einmal
berichtet. Dort wurde die Forderung nach eineni durch-
geistigten Prachtwerk „Thüringen“ erhoben. Wir sind
damit einen bedeutungsvollen Schritt vorwärts gekom-
men! Professor H. W. Singer vom Dresdner Kupfer-
stichkabinett konnte in Greiz auf unerhörte Schätze auf-
merksam machen (vgl. dazu die Mitteilung auf S. 413 ff„
S. 461 ff. und S. 40 des 1/2. Juliheftes, des 2. August-
heftes und des 2. Septemberheftes des „Kunstwande-
rers“, Jahrgang 1920). Heute sind die Schätze der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden und im Bilde
auch dem fernen Kunstfreunde nahe! In dem herrlichen
Greizer Park, einem prächtigen Gegenstück zu dem
Kleinod von Weimar, erbaute einst ein Heinrich XI.
Reuß sein „Belle retraite“, daneben ein japanisches
Porzellanhäuschen und andere Gebäude im Geschmacke
der Zeit, den er auf weiten Reisen in der Welt kennen
gelernt hatte, über die uns köstliche Reise-Tagebücher
erzählen. Belle retraite, im Volksmund nicht anders

als das Sommerpalais genannt, fiel dem Staate zu und
mit unermüdlicher Opferfreudigkeit wurden in ihm in
prächtigen Sälen und Zimmern die Kupferstichsamm-
lung und Bücherreihen untergebracht, die nunmehr für
die Zukunft einen neuen Bestandteil der kaum aufzähl-
baren Thüringer Kulturstätten bilden! Es gelang neben
Professor H. W. Singer den Leipziger Professor Fritz
Götz zu bewegen, mit seinen reichen Erfahrungen an
der Akademie der graphischen Künste einer vollendeten
Wiedergabe der hervorragenden englischen Stiche
näher zu treten, die aus dem Schatze einer kunstsin-
nigen Königstochter stammen, und um das geplante
Kunstwerk erstehen zu lassen, fand sich in dem Leiter
der Berliner Kunstverlagsgesellschaft Wohlgemuth und
Lissner, Herrn L. Wohlgemuth, ein Verleger, der die
Hand bot, einen Prachtkatalog der „Kupferstichsainm-
lung der älterä Linie des Hauses Reuß“ auf den Kunst-
markt zu bringen und durch diese opfermutige und
großzügige Tat seinen Namen für immer mit dieser
Kunstsammlung verbunden hat. Monate um Monate
haben alle die Männer gegenüber den heute sich turm-
hoch ballenden Schwierigkeiten jegliche Kraft daran
gesetzt, dieses wissenschaftliche Kunstwerk zu gutem
Ende zu bringen. Heute krönt die Palme des Sieges
das feierliche Prachtwerk!

Wenn dem neuen Staate Thüringen in einer der
Städte des Landes ein hoher Wurf gelungen ist, sinn-
fällig und in einem wissenschaftlichen Prachtwerk herr-
liche Schätze künstlerischer Schönheit der Allgemein-
heit zugänglich zu machen, so möge die deutsche leicht
verzagende Öffentlichkeit daraus entnehmen, daß Tat-
kraft und Opfermut auch in einer scheinbar chaotischen
Periode neue Werte zu schaffen vermögen zum Heile
des Landes!

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I | ie Erzählung von Peter und Magelone, einer jener
beliebten Novellenstoffe, der am Ausgange des
Mittelalters bei allen europäischen Nationen mit gleicher
Liebe beachtet und mit gleichem Danke aufgenommen
wurde, ist neuerdings durcli die Forschung wieder in
den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses gerückt.
Anlaß zur eingehenden Untersuchung bot die im Jahre
1914 aus dem Antiquariat Jaques Rosenthal erworbene
Handschrift der Preußischen Staatsbibliothek Manuser.
Germ. quart. 1579. Sie stellt nicht nur in textlicher Hin-
sicht den literarhistorischen Forscher vor interessante
Probleme, in ganz besonderem Maße wird sie dem
Kunsthistoriker zu denken geben und wird ohne Frage
einmal von Bedeutung sein, wenn die Zeichenkunst der
Donauschule unter Benutzung des noch unveröffent-

Kincbnet?

lichten Materials einer eingehenden kritischen Wtirdi-
gung unterworfen wird. Vorläufig ist es nicht möglich,
die sehr frisch und lebendig hingeworfenen Federzeich-
nungen, die sicli durch die ganze Handschrift hinziehen,
mit dem Namen eines bestimmten Künstlers in Be-
ziehung zu bringen. Nirgends weist ein Namenszug
oder ein Monogramm auf eine schon bekannte Persön-
lichkeit hin. Daß es sich aber um eine individuell schaf-
fende, reife Begabung handelt, die sich in diesen Zeich-
nungen offenbart, darüber ist kein Wort zu verlieren.
Besonders reizvoll ist der Vergleich dieser Zeichnungen
mit Illustrationen in französischen Ausgaben der Mage-
lone, von denen zwei nach dem Lyoner Druck des
Jahres 1489 reproduziert sind. Sie scheinen nicht nur
einer ganz anderen Welt, sondern einer ganz anderen

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