Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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Im Stadtmufeum su Baut^en
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6, von IDat^dotif

„Der Kunstwanderer" niinmt die ihm von Seite zahl-
reicher Museen und Kunstvereine zugekommene An-
regung gern auf, gelegentlich ausfiihrlichere Aufsätze
iiber die Kunstbewegung in den deutschen Städten zu
veröffentlichen.

j ie deutsche Kunst, als Einheit genommen, hat im-
mer dann ihre schönste Blüte entfaltet, wenn ihr
aus der Yielheit territorialer Wurzeln starke Kräfte zu-
strömten. So wuchs einst aus den Schulen Schwabens,
Frankens, Sachsens und der übrigen Gaue Deutschlands
die alte deutsche Kunst empor. Und wie hier das Viele
zum Ganzen sich verband, so fand die jeweilige Sonder-
art der Einzelgruppen, bestimmt durch Landschaft und
Volkscharakter, in den Werken der großen Meister
Zusammenfassung und vollkommenste Ausprägung, um
durch sie zugleich, über die Grenzen des Provinziellen
hinaus, in die Regionen absoluter Kunsthöhe gehoben
zu werden, die nicht an Ort und Zeit, sondern allein an
die Qualität gebunden ist.

Der innige Zusammenhang zwischen einem eng
umgrenzten Kulturkreis und der ihm entwachsenden
Kunst wird auch heute wieder in Deutschland gesucht.
Das ist kein rückschauendes, Anlehnung suchendes Mo-
ment, wie es im verflossenen Jahrhundert so häufig
hervortrat, sondern vielmehr ein Sichbesinnen auf in-
nerlich vorhandene Kräfte, ein Sammeln derselben nach
längst erprobter Methode. Auch hier gilt das „Zurück
zu den Quellen“ der Renaissance, aber im Hinblick auf
die neu zu entdeckenden eigensten Quellen, die das
Land unserer Zukunft befruchten sollen.

In diesem Sinne hat es seine Berechtigung, die
„Lausitzer Kunstschau 1922“, als ein Teil
eines großen Ganzen, aus rein provinzieller Sphäre in
das Licht des allgemeinen deutschen Kunstinteresses
zu rücken.

Der Lausitz haben ihre Lage an der Ostgrenze des
Reichs, ihr Volksstamm — aus Germanen und Slawen
zusammengesetzt — und eine reich bewegte Geschichte
zu stark ausgeprägter Eigenart verholfen. Eine von
altersher an künstlerischen Schöpfungen zu verfolgende
Entwicklung hat durch den Krieg wohl eine vorüber-
gehende Unterbrechung erfahren, ist aber seitdem in
neuem Aufstieg begriffen. Als eine bcdeutungsvolle
Etappe in ihrem Verlauf muß die „Lausitzer
Kunstschau 1922“, die zum ersten Male die beiden
Gruppen der Lausitzer organisierten Künstlerschaft,
den „Lausitzer Künstlerbund“ und die
„Freie Künstlervereinigung Bautzen“
in gemeinsamer Ausstellung vereint, betrachtet werden,
weil sie einen Überblick über das gesamte künstlerische
Schaffen der Lausitz gestattet und auch über die organi-
schen Zusammenhänge zwischen der Kunst eines gan-

zen Landstrichs und einer einzelnen schöpferischen
Persönlichkeit Aufschluß geben kann.

Es sei hier zunächst auf die Vertreter des „Kiinst-
lerbundes“ eingegangen, der im allgemeinen eine kon-
servative Richtung verfolgt.

Rolf F r i e d m a n n malt Bautzen! — Obwohl er es
an hellen Frühlingstagen mit sonnenbeglänzten Türmen
oder im winterlichen Schnee darstellt, in laue Mond-
nacht gehüllt oder im Alltagstreiben geschwätziger
Jahrmarktstage, immer ist es von derselben Seite ge-
sehen, von einer freundlichen, buntfarbigen, sich leicht
anbietenden Außenseite. In diesem, wie auch im techni-
schen Sinne, ist er Impressionist. Die Psyche der Dinge
kümmert ihn nicht, ihm liegt nichts an der Erforschung
ihres Wesens. Für ihn s i n d sie so, wie er sie s i e h t,
und wie mit ihm viele sie sehen. Daher hat es weitere
Geltung erlangt, das: Friedmann malt Bautzen!

Zwei Gegensätze, nah zueinander gerückt, lassen
ihre Eigenart gegenseitig besonders klar hervortreten.
Darum sollen Hans L i 11 i g s Bilder neben Friedmanns
betrachtet werden, Bilder die gegenständlich und farbig
ein in sich zurückgezogenes Leben führen; in denen
alte Giebel verträumt gegen einen hellen Himmel
stehen, während Abenddämmerung in violett-ver-
schwommenen Tönen zwischen ihnen aufsteigt. Alte
Däclier, von Sclmeedecken überhangen, schieben sich
in seltsamen Formen durcheinander, Straßen ziehen
sich hin, über denen eine Dunkelheit liegt, die sich aus
tiefer, überaus fein abgestimmter Farbigkeit ineinander-
webt. Es würde niemandem einfallen, daß das Z i t -
t a u sei. Es sind stimmungsvolle, ungemein malerische
Bilder, die aus stillen Zwiegesprächen mit der Heimat-
stadt hervorgegangen sind. Sie verzichten auf topo-
graphische Echtheit und optische Anreizungen und
wandeln gegebene Wirklichkeit kraft persönlicher Ein-
fühlung zu allgemeingiiltiger Bildhaftigkeit. — Lilligs
künstlerisch reifste Arbeit, die Zeichnung „Zwei Men-
schen“, läßt zwei Körper in aufglühender Leidenschaft
zu einem einzigen Organismus zusammenwachsen. Sie
zeigt seine Fähigkeit, auch für starkes Erleben packen-
aen Ausdruck zu finden.

Der mannigfaltigen Auswertung Lausitzer Stadt-
bilder steht eine ebenso vielseitige der Lausitzer Land-
schaft gegenüber. Wiederum völlig als Impressionist
tritt Karl S i n k w i t z an sie heran. Ein Blick von
kahler Höhe auf unten ausgebreitete bunte Felder-
teppiche und bläuliche Hügelketten unter einem Himmel
so klar, wie geschliffener Kristall — alles in eine herbe
und taufrische Farbigkeit gefaßt — so gibt Sinkwitz
einen Abglanz des Bergluft atmenden Lausitzer Land-
schaftsbildes. Die Gegenüberstellung Friedmann-Lillig
könnte man in gewisse Sinne bei Sinkwitz-Lindner wie-

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