Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 390
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X u den seltensten altmathematischen Geräten ge-
hören die mechanischen Wegmesser. Heron v. A.
beschreibt in seiner Dioptra einen als Zählwerk gestal-
teten Rädermechanismus, der auf einen Wagen aufge-
setzt und durch eine Nabe an einem der Wagenräder
betätigt, schneller und besser messe, als es mit dem
Winkelmesser (Dioptra), oder mit dem Bandmaß mög-
iicli sei. Hcron erwähnt auch die gleiche Einrichtung
für die Schiffahrt, die das vom Wasser getriebene
Flügelrad als Antrieb des Mechanismus benützte. Durch
des Vitruv : Architectura (X. Buch Kap. 14) wurde die
Verwendung des Wegmessers zu erdkundlichen Fest-
stellungen weiter verbreitet. Nach Jul. Capitolinus
fanden sicli auch im Nachlaß des Kaisers Commodus
(reg. 1.80—193) der-
artige Instrumente.

Um das Jahr 1000
kannten die Chinesen
bereits den Weg-
messer und unter
Leonardo da Vincis
technischen Entwür-
fen finden sich solche
für den Gebrauch an
einem Handkarren.

Die eigentliche Zeit
der Wegmesser kam
offenbar erst mit den
ersten bebilderten
Ausgaben der Archi-
tectura, wenn sich
auch diese ersten
Darstellungen tech-
nisch kaum genügend ausdeuten lassen. Eine Ausnahme
hiervon macht die Darstellung eines Karrenwegmessers
mit Zählkasten in des Fraters Johannes Jocundus Vi-
truvausgabe Venedig 1511. Man erkennt deutlich
daran, wie eine Radnabe in ein Zahnrad eingriff, das
wiederum eine horizontal gelagerte Scheibe in be-
stimmtem Verhältnis umdrchte. Auf dieser Scheibe
waren cine Anzalil Metallkugeln oder runde Steinc ge-
lagert, die, an einer bestimmten Stelle angekommcn,
in den Zählkasten hinabfielen und damit den zurückge-
legten Weg einer römischen Meile durch Schall kund-
gaben. Aus des französischen Mediziners Jean Fernels
('csmotheoria (Paris 1528) geht hervor, daß er einen
Wegmesser nach Vitruv zuerst zu einer geographi-
schen Gradmessung zwischcn Paris und Amiens ver-
wendete. Als Summiermaschinen waren diese Mecha-
nismen übrigens Vorbild zur ersten Rechenmaschine,
die Blaise Pascal üm 1645 erstellte und sind heute noch
als Fahrpreisanzeigcr an Lohnfuhrwerken im Ge-
brauch.

Eine entschiedene Förderung des ganzen Problems
datiert von dem Kurfürsteu August von Sachsen (reg.
1153—86), dessen Hang zu praktisch-mathematischen
Arbeiten, aus volkswirtschaftlichen Gründen, ein be-
achtlicher Ansporn für den Instrumentenbau der Re-
naissance war und dessen Lehrer Rivius die erste deut-
sche Übersetzung der Architectura in Nürnberg 1548
erscheinen ließ. Ausschnitte aus diesem abseitigen Ge-
biete der Feintechnik gab ich an anderer Stelle.J)

Mit dem Wegmesser des Pfalzgrafen Johann Ka-
simir sind mir im Ganzen neun der frühesten erhaltenen
Wegmesser bekannt geworden, die sämtlich zwischen
1570 und 1600 gefertigt sind. Davon besitzt der Mathe-
matisch-physikalische Salon in Dresden, aus dem Erbe

des Kurfürsten Au-
gust, allein vier
Stück von den bay-
rischen Meistern
('hristoph Schißler,
Thomas Rückert,
Maitin Feyhel und
dem Dresdner Chri-
stoph Trechsler d. Ä.
Die übrigen Stücke
befinden sich in
den Sammlungen
zu Leipzig,. Cassel,
Breslau (Erzeugnisse
Rückerts) und in
Hamburg (Erasmus
Habermal Prag zu-
zuschreiben).
Schmuck- und Kon-
struktionsverwandschaften dieser Wegmesser ließen
ihre näheren Beziehungen untereinander genügend fest-
stellen, ihre Meister ausfindig machen und Kurfürst
August als einen wesentlichen Förderer dieser Instru-
mentengattung erkennen.

Auch der Wegmesser Johann Kasimirs steht in Be-
ziehungen zu Kurfürst August, denn der Pfalzgraf war
des Kurfürsten Schwiegersohn. Johann Kasiinir war
der Sohn des unglücklichen Johaiin Friedrich II. (des
Mittleren), Herzogs zu Sachsen und dessen zweiter
Gattin Elisabeth von der Pfalz, war also mütterlicher-
seits ein Wittelsbacher, wurde 1564, geboren und starb
1633. Mit seinem jüngeren Bruder Ernst wurde er,
n.aeh beider Studium in Leipzig, an den Hof des Kur-
fürsten August gezogen, verehelichte sich mit dessen

0 Mitteilung a. d. Sächs. Kunstsammlungen IV. (1913) ai
S. 11: Die Wegmesser des Kurfiirsten August von Sachsen; und:
Aus Scltlesiens Vorzeit in Bild und Schrift N. F. VII (1919) ab
S. 199: Ein Wegmesser Kaiser Rudolfs II.

Wagenwegmesser aus der Vitruvausgabe des Frater Johannes
Jocundus, Venedig 1511

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