Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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kopf“ schlagend beweist. Hine große Anzahl flotter
Aquarellstudien scheinen in ihrer übermütigen Farben-
verschwendung aus unerschöpflich reichem Füllhorn
geschüttelt. Heinike ist auf alle Fälle der Produktivste
und Freigibigste unter den Lausitzern. Aus der be-
trächtlichen Reihe seiner Ölbilder verdient „Der gei-
stige Führer“ hervorgehoben zu werden. In seinem
vom Ideenwust geschwollenen Riesenkopfe mit schrei-
end roten Haarfetzen und kaltblau glitzernden terrori-
stischen Augen ist der Typus des geistigen Vampyrs
faszinierend gefaßt. Im übrigen ist es nicht Fleinikes
Art, scharf geschliffene Ideen zu formulieren. Ver-
träumte Gassen. spitzgieblige Häuschen, von Klein-
stadtzauber umsponnen, der sich mitunter zu echtem
Hexenspuk auswächst, das sind seine Lieblingsmotive,
die immer wiederkehren. Er hüllt sie ein in geheimnis-

voll verdunkelte Farben, die als rubinrote und tiefgrüne
Flächen ineinanderspielen und von innen heraus zu
glühen scheinen, wie alte Glasfenster in denen sich das
Licht fängt. Mit dem Schlagwort „Expressionismus“
sind diese Bilder nicht erschöpft. Ein lyrischer Zug geht
durch seine Kunst, cine große Einfachheit und Erden-
nähe ist ihr eigen. Vielleicht könnte man eine innere
Verwandtschaft mit den Bildern Paula Modersolms her-
ausfühlen, die einst den Auftakt zum Expressionismus
bedeuteten, der sich nun wiederum seinem ursprüng-
lichen Ausgangspunkte zu nähern scheint.

Als Ganzes betrachtet erhält die „Künstlerveini-
gung“ ihren besonderen Charakter durch die Wirksam-
keit junger, fris'ch vorwärtsdrängender Kräfte, die zuin
Teil noch in der Entwicklung begrjffen, doch bereits als
verheißungsvoll ftir die Zukunft einzuschätzen sind.

Diese Statuette einer alten sitzertden
Frau, von der die Galerie Dr. Gold-
schmidt - Dr. Wallerstein, Berlin, ein
Exemplar besitzt, ist eine der inter-
essantesten, aber auch am schwersten
unterzubringenden italienischen Bronzen
des Quattrocento. Friiher wurde sie
meistens dem Sicneser Maler und Bild-
hauer Vecchietta zugeschrieben, dessen
Figuren häufig die gleichen eingefailenen
Wangen un|d hervortretenden Backen-
knochen haben. Vecchietta heißt zu
deutsch altes Weibchen. und man dachte

dabei an eine scherzhafte Personifikation
seines Namens. In letzter Zeit glaubte
Planlscig in der Figur ein Werk des
Andrea Riccio zu sehen. — Außer dem
Berliner Exemplar sind nur noch zwei
andere bekannt. Eines ohne Stuhl be-
findct sich in Paris in der Bibliotheque
nationale, das andere, mit Stühlchen, ist
bei der Aufteilung der Sammlung J. P.
Heseltine kürzlich verkauft worden.
Eine Wiederholung in Holz besitzt die
Sammlung P. Gerngroß in Wien.

Deutfcbe Kunßioecke als fcaneödfcbe pfändet’2

In der Tagespresse sind Nachrichten verbreitet, wonach
Frankreich deutsche Kunstwerke, insbesondere wertvolle Ge-
mälde, darunter die beriihmte Sixtinische Madonna in der Dresdner
Gemäldegalerie, als Pfandobjekte beanspruche, und zwar vor
allem dann, wenn es zu Verhandlungen über die Räumung des
Ruhrgebietes durch die Franzosen kommen sollte. In den Kom-
mentaren zu diesen aus durchaus gut informierten Kreisen stam-
menden Nachrichten begegnet man u. a. recht optimistischen Auf-
fassungen, als ob Frankreich trotz seines Deutschenhasses nicht
zu einer derartigen, aller Kultur hohnsprechenden Maßnahme
greifen würde. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Frankreich
sich schon bisher mehrfach nicht gescheut hat, äußerst kulturfeind-
liche Handlungen zu begehen, und daß auch solche Maßnahmen be-

reits ins Auge gefaßt worden sind, die einen Eingriff in das künst-
lerische Besitzrecht bedeuten. Haben die Franzosen etwa bei
ihrem jetzigen Einfall ins Ruhrgebiet bewiesen, daß sie fremdes
Eigentum unangetastet lassen?

Es sei hierbei an den Auftrag Poincarees erinnert, den er
dem Generaldirektor des Louvre erteilt hat, und von dem ebenfalls
die Presse vor einiger Zeit Notiz genommen hat, nämlich eine Liste
aller derjenigen Kunstwerke aus Deutschlands öffentlichem und
privatem Besitz aufzustellen, die beschlagnahmt und nach Frank-
reich als Zahlungsgarantie überführt werden könnten. Danach
wurde berichtet, daß der Generaldirektor dies Ansinnen abgelehnt
hatte und deshalb zur Disposition gestellt worden sei. Wie man
angesichts dieser Tatsachen über die Angelegenheit noch optimi-

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