Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 485
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ÜOft

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/\ ls ich vor einigen Jahren mit den Vorarbeiten für
mein „Pastell" beschäftigt war, stieß ich im Meusel
auf einen der Kunstgeschichte bis dahin völlig unbe-
kannten Bildnismaler Fischer in Gera, dem große
Fruchtbarkeit und Treffsicherheit nachgerühmt wurden.
Ich wandte mich natürlich zuerst um Auskunft nach
Gera, aber zunächst mit negativem Erfolg. Meine An-
regung aber hatte wenigstens das erfreuliche Resultat,
den Geraer Kunstverein wieder zu erneuter Beschäfti-
gung mit der kiinstlerischen Vergangenheit seiner Stadt
anzuregen, als deren erste, bereits sehr wichtige Frucht
diese Ausstellung „Das Alt-Geraer Bildnis“ zu begriißen
ist, die mit einigen hundert Bildnissen zwei bisher fast
gänzlich verschollene Maler, Reinhold und Fischer, der
deutschen Kunstgeschichte wiederschenkt. Die Schwie-
rigkeiten des Kunstvereins bei seinem schönen Be-
miihen lassen den Erfolg seines Vorsitzenden, des
Herrn Amtsrichters Bogenhard, umso bedeutender er-
scheinen. Gera hat durch ungliickliche Brände mit
seinem urspriinglichen Charakter auch fast alle kiinst-
lerische Tradition verloren. Außer einer alten hand-
geschriebenen Chronik sind beinahe keine Quellen vor-
handen. Die alten allgemeinen Quellen schweigen fast
ganz oder machen irrefiihrende Angaben. Von der
reichen künstlerischen Anregung, die einst von hier
vielfach ausging — war doch z B. Stobwasser ein
C.eraer Kind! —, wird man sich erst allmählich wieder
einen Begriff machen. Zum ersten Mal kam auf
der bahnbrechenden Berliner Jahrhundertausstellung
wieder ein Geraer Maler zu Wort, Heinrich Reinhold,
des alten Reinhold jiingerer Sohn, mit drei Landschaf-
ten. Er hatte seine Wiederentdeckung, wie beriihmtere
deutsche Maler, auch dem Sptirsinn des schwedischen
Malers Bernt Grönvold zu verdanken. Dann brachte
die Darmstädter Ausstellung „Barock und Rokoko“ ein
paar — iibrigens nicht gerade die besten — Arbeiten
des alten Reinhold, ohne indessen dieser Spur weiter
nachzugehen. Das hier Begonnene wird nunmehr in
Gera mit Eifer weiter ausgebaut, und dem ersten Er-
folge, der nicht unterschätzt werden darf, werden
hoffentlich bald weitere folgen. Fiir uns, die wir an der
Arbeit sind, den seit dem dreißigjährigen Kriege fast
verlorenen Faden der deutschen Kunstgeschichte aus
miihsam kleinen Einzelresultaten allmählich wieder
organisch zu kniipfen, ist bei dem Mangel an Kunst-
zentralisierung in Deutschland die liebevolle Mitarbeit
der lokalen Einzelforschung unschätzbar, womit diese
vorläufigen Bemerkungen iiber die Geraer Ausstellung
vollauf gerechtfertigt sein dürften.

Der Verlauf in Gera dürfte ungefähr der gleiche
gewesen sein wie in den meisten kleineren deutschen
Städten. Soweit die noch vorhandenen alten Werke
verraten, diirfte in den Zeiten vor 1800 das:Bildnis Auf-

gabe der Stadt- oder Ratsmaler gewesen sein, die alles
handwerklich Malerische der Stadt zu leisten hatten und
iiber ziemlich grobe Arbeit kaum hinausgelangten. Nur
ein einziges der alten Bilder der Ausstellung, Maler
unbekannt, stark verdorben, aber Restaurierung sicher
lohnend, verrät ein entschiedenes höheres, malerisches
und sachliches Wollen; immerhin würde nach der Rei-
nigung erst festzustellen sein, ob es sich um auswärtige
oder einheimische Arbeit handelt.

Erst im 18. Jahrhundert mit seinem langsamen
Wiedererstarken des Biirgertums, melden sich auch
höhere kiinstlerische Anspriiche. Das Biirgertum Geras
gelangt zu Wohlstand und das damit verbundene Be-
diirfnis nach Familienbildern schafft den Bildnismalern
eine Existenzmöglichkeit. Dieses Bediirfnis war offen-
bar so stark, daß es nicht wie vielfach sonst im
Deutschland des 18. Jahrhunderts durch Wandermaler
zu befriedigen war, sondern, wenn auch nur fiir nicht
allzulange Zeit und in gewisser Abhängigkeit von den
großen Kunstzentreri, eine eigene Malerschule zur Bliite
zu bringen vermochte.

Ob der alte Reinhold, dessen hier zum ersten Male
wiedergegebenes Doppelbildnis einen guten Begriff
seiner Art vermittelt, in Gera gebiirtig war, läßt sich
zunächst nicht mit Sicherheit feststellen. Seine Stellung
in der deutschen Malerei seiner Zeit ist indessen nun-
mehr durch zahlreiche Werke gesichert. Seine Wirk-
samkeit fällt in die Zeit, in der das deutsche Biirgertum
zwei große private Leidenschaften hatte: die Physio-
gnomik und die Silhouette. Wenn erst endlich einmal
Lavaters Sammlung von Handzeichnungen, die gegen-
wärtig noch in der Wiener Fideikommissbibliothek ein
fast unzugängliches Dornröschendasein fiihrt, wie in
Aussicht genommen, der Allgemeinheit zugänglich sein
wird, werden wir um eine der wichtigsten Quellen fiir
die Geschichte dieser Zeitkunst reicher sein, und von
ihr wird vielleicht auch mancher Weg zu unserem Rein-
liold fiihren, der keineswegs in provinzieller Abge-
schlossenheit, sondern in lebhaftem Zusammenhang mit
den geistigen Strömungen seiner Zeit arbeitete. Er
geht natürlich wie die meisten Bildnismaler der Zeit
von der Silhouette aus, die dem Bürgertum seine Tage
eben den Typ bildnismäßiger Darstellung liefert. Ihr
entstammen sowohl sein krampfhaftes Kleben am Profil
wie sein mangelndes Gefühl für das Raumproblem. Auf
der anderen Seite ist er Physiognom, er sucht mit allen,
selbst den schärfsten Mitteln in die Seele seiner Modelle
einzudringen. Die Leichtigkeit seines Strichs wirkt
mitunter ebenso erstaunlicli wie die Riicksichtslosigkeit
seiner Anschauung, er schmeichelt nirgends, hält sich
immer auf der sachlichen und künstlerischen Höhe der
Anschauung und verbindet mitunter Antnut mit Tiefe
in einem Grade, der ihn weit über die Qualität des

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