Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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Jetzt bleibt uns noch ein Schauspiel zu würdigen,
das von Jahr zu Jahr stärker fesselt, ob es auch erst
wenige sehn. Ich meine das Werden und Wirken eini-
ger und namentlich eines deutschschweizerischen Ma-
lers auf welschem Boden. Wie es ein unversieglicher
Reiz im Lebensbilde Hodler’s bleiben wird, zu er-
fahren, in welcher Weise er, der unverwüstliche Ber-
ner, sich auf dem neuen Kulturgrunde, in Genf, verhal-
ten, was er gelernt und was abgelehnt hat, so ist es
heute faszinierend, dasselbe Geschehen sich an Per-
sönlichkeiten wie Felix Appenzeller, Hans
B e r g e r und E r n s t E g g e r in neuer Abwandlung
wiederholen zu sehen. Wählen wir das Beispiel A p -
p e n z e 11 e r ’ s , so beobachten wir heute, da er aus
der Zeit des Lernens und Wägens in die der Frucht-
barkeit eintritt, dieselbe Ausgeglichenheit des Erwor-
benen, dieselbe Klarheit und Festigkeit, dieselbe unauf-
fällige Harmonie und Bedeutsamkeit, wie sie Hodler
gegen 1890 erreicht hatte. Das Bildnis eines Herrn,
das er Appenzeller im Salon ausstellt und in dem sich
das welsche Ambiente von gennanischer Kraft durcli-
drungen zeigt, ist eine der die Zuversicht ermutigend-

sten Leistungen der jiingeren schweizerischen Künst-
lerschaft.

Auch die P 1 a s t i k erfreut. Nicht nur gipfelt sie
in einer wundervollen Gruppe von Büsten und Ganz-
figuren H e r m a n n H a 11 e r ’ s , den Deutschland
kennt, sondern sie vereinigt eine ganze Schar von
Skulpturen, die Aufmerksamkeit verdienen. Sie sind
schon genannt, und wir begnügen uns, auf die liebliche,
plastiscli vollkommene und kräftige Mädchenfigur von
L u c J a g g i hinzuweisen, in welcher antike und
französische vorgebildete Form sich auf’s reinste mit
schweizerischem, zeitgenössischen Empfinden verei-
nigt. Sofort haben sich denn das Museum Genf und
jene hervorragende Privatsammlung, die in Donath’s
„Jahrbuch für Kunstsainmler (1922)“ gewürdigt worden
ist, die Sammlung Russ-Young in Neuenburg, je ein
Exemplar dieser ausgezeichneten Bronce gesichert.

Der Salon 1922 ist für den schweizerischen Kunst-
freund eine Stätte der Erbauung. Sie haben sich wie-
dergefunden, unsere Künstler, und gehen den geraden
Weg der Menn, Koller, Stäbli, Hodler, Buri, Welti
weiter.

Übec Anbängei? oon Rofenkränsen

oon

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|\em christlichen Gefühl des Mittelalters lag die
*—^ mystische Vertiefung in die Probleme des Lebens
und des Todes, den beiden großen Unbekannten des
Daseins sehr nahe, und es ist ungemin reizvoll zu ver-
folgen, wie in der Kunst immer wieder versucht wird
in symbolischer Form diesen letzten Fragen einen der
geistigen Einstellung der Zeit adäquaten Ausdruck zu
geben. In die Reihe solcher symbolischer Gestalten
von Tod und Leben und ihrer wechselseitigen Beziehun-

gung dreier Köpfe darstellt, bei der zu den vorgenann-
ten noch der eines Jünglings hinzukommt (Abb. 1). Die
Stücke mit den zwei Köpfen sind in bezug auf ilire
Formbildung und sorgfältige technische Durchbildung
künstlerisch höher zu bewerten als das dritte (das
mittlere der Abbildung) das roher schematischer und
weitaus handwerksmäßiger gearbeitet erscheint. Bei
allen drei Stücken findet sich eine weite durchgehende
nach oben sich verjüngende Durchbohrung von ovalem

Abb. 1. Beinschnitzereien. Hamburgisches Museum fiir Kunst und Gewerbe

gen zu einander gehören auch gewisse kleine, in Samm-
lungen des öftern anzutreffende Beinschnitzereien, die
alle auf der einen Seite einen Totenkopf zeigen und auf
der andern das Leben jeweils durch einen Christus-
oder Menschenkopf oder durch eine Verbindung mehre-
rer solcher Köpfe symbolisch zum Ausdruck bringen.
Das Hamburgische Museiun fiir Kunst und Gewerbe hat
jüngst drei solcher kleinen Beinschnitzereien erworben,
von denen zwei außer einem Totenschädel den Chri-
stuskopf zeigen, während das dritte Stück eine Vereini-

Querschnitt, die nicht künstlich hergestellt, sondern
einer natürlichen Eigenart des Materials entspricht. Sie
l'ißt, ebenso wie die Struktur des Materials, mit Sicher-
heit darauf schließen, daß die Stücke aus Wallroßzahn
gearbeitet sind.

Über die Bedeutung solcher und ähnlicher Schnit-
zereien, die in den Museuinskatalogen durchweg als
deutsche Arbeiten des 15. oder beginnenden 16. Jahrh.
bezeichnet werden, herrscht eine gewisse Unklarheit.
Das Bayerische National Museum in München führt sie

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