Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Page: 225
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Bode utid fein lÜuken.

Eum gefcbcinen fcines Buebos «pünfsig 7a£)t?e ]vlufeumsat?beif .*)

Wilhelm v. Bode hat, wie wir schon kurz mitteiltcn,
soeben ein Buch herausgegeben, das uns nicht bloß einen Einblick
in die Werkstatt seiner fünfzigjährigen Museumsarbeit gewährt,
sondern das auch als Dokument zur Entwicklung des deuischen
Museums- und Sammelwesens besondere Bedeutung hat. Und wir
sprechen sozusagen pro domo, wenn wir behaupten, daß dieses
wertvolle Dokument noch eine breitere Basis erhält durch die
Reihe der Aufsätze, die der Schöpfer des Berliner Kaiser-Friedrich-
Museums unter dem Titel ,,Die älteren Privatsammlungen in Berlin
und die Bildung neuer Sammlungen nach dem Kriege 1870“ im
„Kunstwanderer“ (2. Augustheft, 1. u. 2. Septemberheft
1922) veröffentlicht hat.

Zu diesem seinem jüngsten Buche nun, das mit guten Abbil-
dungen nach zahlreichen bedeutenden Kunstwerken geschmückt ist,
die von Bode für das Museum erworben wurden, gibt der Berliner
Kenn.er zunächst seine Erinerungen an die Hohenzollern wieder,
unter denen er sein Amt verwaltet hat. Was in diesem Kapitel
hauptsächlich interessiert, sind seine Bemerkungen über W i 1 -
h e 1 m I. Bode tritt der Meinung entgegen, daß Wilhelm I. ein
„Kunstbanause“ gewesen sei. Er erzählt z. B., welche Freude
Wilhelm I. an der Mädchenbüste von Mino hatte und an der der
Marietta Strozzi. „Hat dic aber einen häßlichen, langen Hals.“
Ja, es ist eine garstige Büste, urteilte der Herr Minister, worauf
der Kaiser sofort erwiderte: ,,Sie sind ja recht streng heute, lieber
P.; was konnte denn der arme Kiinstler dafür, daß das junge
Mädchen solchen Gänsehals hatte! Ich finde die Büste ganz
prächtig; sehen Sie nur den Mund! Ich möchte wohl den Witz
wissen, den sie gerade machen wollte.“ Ein so naives, gesundes
Kunsturteil, verbunden mit der wiederholten Versicherung, daß er
ja leider nichts von Kunst verstünde, habe ich, schreibt Bode, nur
selten bei einem Laien gefunden.“

Wundervoll ist dann das Kapitel „Freuden und Leiden beim
Sammeln für die Gemäldegalerie“. Wir sehen Bode in London —
er machte seine große Reise dorthin 1879 auf seine eigenen Kosten

— wir begleiten ihn in 11 a 1 i e n , wo er bei Giuseppe Baslini in
Maiiand, der einst Stallknecht bei den Visconti war, aber „dank
seinem künstlerischen Blick“ die Sammlung Poldi-Pezzoli schuf,
den „Senator“ Solarios erworben hat, wir fühlen die Kränkungen
mit, denen er ausgesetzt war, als Dr. Julius Meyer hinter seinem
Rücken die Botticelli-Fresken aus der Villa Lemmi ablehnte, und
ärgern uns mit ihm über die Willkürlichkeiten eines Grafen Use-
dom. Und es ist ein köstliches Intermezzo, wie er von dem Prozeß
spricht, den er gegen L e n b a c h anstrengte, der ihm einen Gior-
gione und drei Tizians weggeschleppt hatte. „Aber unser Minister
zwang mich, die Klage zurückzunehmen, da sie — zumal bei Len-
bachs Stellung bei Bismarck — zu iiblen Eindruck machen würde.“

1899 glückte Bode in London die Erwerbung von R e m -
brandts „Prediger Anslo, der einer Witwe Trost spendet“ —
Lord Ashburnham hatte das Bild fiir 20 000 Pfund hergegeben -
aber nach seiner Rückkehr erkrankte er an einer schweren Venen-
entzündung, die seine Arbeit behinderte. Er dankte es „der auf-
opfernden Beihilfe“ seines Kollegen Max J. Friedländer und
mehrfach auch Generaldirektor Schöne, „daß die Erweiterung
der Galerie ungeschwächt ihren Fortgang nehmen und unsere
Pläne für den Bau eines Renaissance-Museums bald durch das
Kaiser Friedrich - Museum verwirklicht werden
konnten.“

Bode spricht ferner von der Schaffung des Kaiser F r i e -
drich-Museums-V ereins, von der Gründung der Samm-
lung nachantiker Plastik und der islamisehen so-
wie ostasiatischen Abteilung und wendet hier das Wort
„Debäcle unserer Neubauten“ an. Man kennt seine
Stellungnahme für das Asiatische Museum in Dahlem

— sie ist nur zu berechtigt — und weiß, daß dieser nahezu fertige
Bau leider nur ein Schuppen werden soll. ,,Aber dieser Plan, der

*) Verlag Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig.

die Kunstwerkc der Sammlungen im Kaiser Friedrich-Museum
weiter gefährdet, würde auch kaum Ersparnisse bringen, da die
Unkosten für Umzug, Einrichtung und Bewachung, sowie auch et-
waige Umbauten dabei nicht zu ersparen sind. Die Mittel zum Aus-
bau des Asiatischen Museums und zum Umzug der Asiatischen
Sammlungen nach Dahlem sind aber ganz abgesehen von den sehr
beträchtlichen Summen, die das Reicli an Preußen für Kunstwerke
schuldet, reichlich vorhanden, durch die Erträge, welche die Ab-
gabe der Tausende von iiberfliissigen Dubletten in den ethno-
graphischen Abteilungen bei einem Verkauf bringen wiirde. Möge
ein gnädiges Geschick unsere Museen vor weiteren unvorsiclitigen
Experimenten bewahren. Wir sehen an der uferlosen und um so
kostspieligeren Hinzögerutig der Inselbauten Hoffmanns, wohin der
innere Kampf führt, und der Raub der Genter Altartafeln der
Brüder van Eyck und der Bilder von Dirk Bouts ist uns das Mene-
tekel, welche Gefahren uns von außen nach dieser Richtung noch
drohen!“

Wir hoffen, daß Bodes Worte trotz allen den „Sanktionen“
niclit ungehört veriiallen, und daß man auch in der Frage dcr
Museumsbauten nachgibt, in der man seine Autorität — und
das ist ein gar trauriges Kapitel — völlig ausgeschaltet hat. Er
selbst gibt, wie er sagt, „die Hoffnung nicht auf, daß schließlich
doch einmal der Plan, der bisher bei den Neubauten zugrunde ge-
legt worden ist, wieder aufgenommen werden wird, zumal dafiir
die Mittel in fast zahllosen, für die klare und geschmackvolle An-
ordnung nur schädlichen Dubletten vorhanden sind. Daß man sich
zu dieser Kassierung meines Planes entschloß, ohne mich dabei
irgendwie heranzuziehen, daß man seit mehreren Jahren die mit
der Aufsicht über den Bau betraute Museumsbaukommission aus-
geschaltet und mir den Vorsitz genommen hat, daß man endlich die
von mir für die Fortführung der Bauten als Geschenk angebotenen
mehreren Millionen Mark einfach ablehnte, olme mich auch nur
zu hören, war freilich nicht die Anerkennung, wie ich sie für fünf-
zigjährigen Dienst in diesen meinen Ämtern erwarten durfte.“

Es ist wahrhaftig unverständlich, daß die maßgebenden Stellen
den Rat einer Persönlichkeit wie Bodc, der eine ganze Reihe von
Abteilungen der Berliner Museen (z. B. die der italienischen Re-
naissance-Skulpturen, deutschen Skulpturen, der islamischen, ost-
asiatischen, altchristlich-byzantinischen Kunst, die Abteilung der
Bronzen u. a.) geschaffen und wesentliche Teile dieser Abteilungen
selbst geschenkt hat, bei allen wichtigen Fragen völlig ignorierte.
Das ist wahrhaftig unverständlich. Denn es wäre nur selbstver-
ständlich, daß man ihm den Dank entgegenbrächte, der seinen un-
vergleichlichen Verdiensten um die Museen und um Berlin gebührt.

JSeue gt?oße Mtl(ionen=Stiftung Bodes.

Wilhelm von Bode hat dem Preußischen Kultusmini-
sterium die große Summe von mehr als 175 Millionen
Mark, welche ihm anläßlich seines 50jährigen Dienstjubiläums
von Freunden und Verehrern aus dem In- und Auslande zur Ver-
fügung gestellt worden sind, zum Zwecke des Ausbaues des
Asiatischen Museums in Berlin-Dahlem ange-
boten. Wie erinnerlich, hatte er im vergangenen Jahre schon den
Erlös seiner Bibliothek, die er versteigern ließ, nämlich drei
Millionen, für diesen eminent wichtigen Zweck ausersehen,
aber diese Schenkung ist damals unbegreiflicher Weise vom Mini-
sterium abgelehnt worden.

Jetzt, da eine so respektable Summe fiir die Fortfülirung des
Dahlemer Baues bereit liegt, werden die Behörden hoffentlich nicht
zögern, die edle Spende anzunehmen. Bode verfolgt ja hiermit
nur das hohe kiinstlerische Ziel, die Raumnot im Kaiser Friedrich-
Museum zu beheben, die bisher eine systematisch-wissenschaft-
liche Anordnung der altchristlichen und frühromanischen Kunst un-
möglich machte. Denn durch die Schaffung des Asiatischen Mu-
seums müßten naturgemäß die Islamsche Abteilung des Kaiser

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